Mein Bücherjahr 2022

Mein Bücherjahr 2022

Im letzten Jahr habe ich damit angefangen, meine gelesenen Bücher schriftlich festzuhalten (siehe mein Bücherjahr 2021). Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich habe nicht mehr das Gefühl, dass mir alles durch die Finger rutscht. Zum einen lese ich natürlich für den Genuss, das Abtauchen in andere Welten, das wunderbare Kopfkino. Aber und an darf es gerne auch ein Sachbuch sein. Und als Autorin lesen ist dann auch noch mal anders, ich kann für mich festhalten, was mir gefallen hat (und was nicht) und welche Techniken ich vielleicht für eigene Romane übernehmen/ausprobieren kann. Auf dem Beitragsbild sieht man übrigens meine Weihnachtsgeschenke, mit denen werde ich wohl anfangen.

Vielleicht ist ja für dich die eine oder andere Entdeckung dabei?

Also dann, auf ins neue Bücherjahr!

 

Januar (Burkeman, Mythopedia, T. Kingfisher)

Oliver Burkeman: Four Thousand Weeks

The average human lifespan is absurdly, insultingly brief. Assuming you live to be eighty, you have just over four thousand weeks. (…) Drawing on the insights of both ancient and contemporary philosophers, psychologists, and spiritual teachers, Oliver Burkeman delivers an entertaining, humorous, practical, and ultimately profound guide to time and time management. Rejecting the futile modern fixation on “getting everything done,” Four Thousand Weeks introduces readers to tools for constructing a meaningful life by embracing finitude, showing how many of the unhelpful ways we’ve come to think about time aren’t inescapable, unchanging truths, but choices we’ve made as individuals and as a society—and that we could do things differently.

Nur viertausend Wochen? Das hört sich nach verhältnismäßig wenig an. Kein Wunder, wenn wir nicht alles schaffen, was wir uns vornehmen. Wir haben sowieso nicht genug Zeit. Das ist einerseits erschreckend, aber andererseits auch befreiend. Weg mit den Schuldgefühlen, weil man es sowieso nie der To-Do-Liste recht machen kann. Und her mit den Überlegungen, was man wirklich gerne machen würde. Dieses Buch hat mir eine ordentliche Menge kleiner Erleuchtungen beschert, über die ich in Ruhe nachdenken (und ein paar auch gleich umsetzen) möchte.

 

Mythopedia: Die Welt der Fabelwesen und ihrer magischen Geschichten

Diese Enzyklopädie der Fabelwesen umfasst Legenden, Erzählungen und Mythen aus der ganzen Welt. Von der westafrikanischen Fabel Anansi, die Spinne bis hin zu Tanuki, dem süßen, aber lästigen Waschbärhund der japanischen Folklore. Beeindruckende, farbintensive Zeichnungen illustrieren die Porträts der versammelten Wesen.

Eine ganz wunderbare Kombination aus Bild und Text: wirklich phantastische, bunte Zeichnungen. Wir haben uns das mittlerweile alle für unseren phantastischen Montag als Inspirationsquelle und Fundgrube zugelegt.  Es macht schon beim Durchblättern Spaß und ich habe einige Tiere kennengelernt, von denen ich vorher noch nie gehört hatte.

 

T. Kingfisher: Summer in Orcus

Summer is a perfectly ordinary 11 year old girl with a perfectly ordinary, needy, over-protective single mother. She always does what she is told and has become very good at listening and consoling her mother’s fears, but finds the experience increasingly exhausting. Summer loves her mother and would never dream of running away, but wonders deep down if it wouldn’t be nice to escape for just a little while and do something adventurous… maybe? Along comes the crone Baba Yaga in her magical walking house, who spies Summer through the alley gate and offers to provide her heart’s desire. Summer has no idea what this might be, but with the lighting of a frog-shaped beeswax candle she finds herself transported to the strange world of Orcus with nothing but a weasel in her pocket.

Das war ein ganz wunderbarer Lesespaß!

 

T. Kingfisher: The Saints of Steel Books

1. Paladin’s Grace

Stephen’s god died on the longest day of the year… Three years later, Stephen is a broken paladin, living only for the chance to be useful before he dies. But all that changes when he encounters a fugitive named Grace in an alley and witnesses an assassination attempt gone wrong. Now the pair must navigate a web of treachery, beset on all sides by spies and poisoners, while a cryptic killer stalks one step behind…

2. Paladin’s Strength

He’s a paladin of a dead god, tracking a supernatural killer across a continent. She’s a nun from a secretive order, on the trail of the raiders who burned her convent and kidnapped her sisters.

Zwei Bücher aus der Saints of Steel Reihe. Fantasy-Romance mit Screwball-Comedy würdigen Dialogen. Sagte ich schon, dass ich T. Kingfisher liebe? Sie ist eine grandiose Autorin!

 

Februar (Jenny Erpenbeck, Sarah Pearse, T.Kingfisher, LoisMcMaster Bujold, Louise Brown)

 

Jenny Erpenbeck: Kairos

Die neunzehnjährige Katharina und Hans, ein verheirateter Mann Mitte fünfzig, begegnen sich Ende der achtziger Jahre in Ostberlin, zufällig, und kommen für die nächsten Jahre nicht voneinander los. Vor dem Hintergrund der untergehenden DDR und des Umbruchs nach 1989 erzählt Jenny Erpenbeck in ihrer unverwechselbaren Sprache von den Abgründen des Glücks – vom Weg zweier Liebender im Grenzgebiet zwischen Wahrheit und Lüge, von Obsession und Gewalt, Hass und Hoffnung. Alles in ihrem Leben verwandelt sich noch in derselben Sekunde, in der es geschieht, in etwas Verlorenes. Die Grenze ist immer nur ein Augenblick.

Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks, wird hier beschworen. Aber ob das Zusammentreffen dieser beiden ein glücklicher Augenblick war, stellt die Autorin hier in Frage. Erpenbeck schreibt lebendig, dicht und sie schafft es, mit Worten und Rhythmus die Zeit selbst abzubilden, Augenblicke zu verlängern oder zu verkürzen. Ich habe mich allerdings beim Lesen sehr über die klischeehaften Figuren geärgert: sie das naive junge Mädchen, er der gräßlich-hässliche alte weiße Mann. Immerhin, was mich (Westberlinerin) bei der Stange gehalten hat, war, den Fall der Mauer sozusagen von der anderen Seite mitzuerleben.

 

Sarah Pearse: The Sanatorium

An imposing, isolated hotel, high up in the Swiss Alps, is the last place Elin Warner wants to be. But she’s taken time off from her job as a detective, so when she receives an invitation out of the blue to celebrate her estranged brother’s recent engagement, she has no choice but to accept. Arriving in the midst of a threatening storm, Elin immediately feels on edge. Though it’s beautiful, something about the hotel, recently converted from an abandoned sanatorium, makes her nervous – as does her brother, Isaac.
And when they wake the following morning to discover his fiancée Laure has vanished without a trace, Elin’s unease grows. With the storm cutting off access to and from the hotel, the longer Laure stays missing, the more the remaining guests start to panic …

Tja, da bin ich wohl auf die Werbung hereingefallen. Von wegen Sunday Times Bestseller und Reese Witherspoon Book Club Pick. Leider fand ich die Heldin sehr eindimensional und hölzern und ihr Schicksal war mir demzufolge herzlich egal. Ein bisschen Spannung kam erst ganz zum Schluss auf. Mein Fazit: Lohnt sich nicht.

 

T. Kingfisher: Minor Mage

Oliver was a very minor mage. His familiar reminded him of this several times a day. He only knew three spells, and one of them was to control his allergy to armadillo dander. His attempts to summon elementals resulted in nosebleeds, and there is nothing more embarrassing than having your elemental leave the circle to get you a tissue, pat you comfortingly, and then disappear in a puff of magic. The armadillo had about wet himself laughing. He was a very minor mage. Unfortunately, he was all they had.

Ein sarkastisches Armadillo als Familiar (Hexengefährte)! Da kann nichts schiefgehen, und Kingfisher überzeugt mal wieder. Warmherzig, humorvoll, spannend, wie eigentlich alle ihre Bücher. Ich bin ein großer Fan!

 

T.Kingfisher: Nine Goblins

When a party of goblin warriors find themselves trapped behind enemy lines, it’ll take more than whining (and a bemused Elven veterinarian) to get them home again. Nine Goblins is a novella of low…very low…fantasy.

Erinnert an Terry Pratchett. Ja, ich gebs zu: ich liebe diese Autorin und ihre Bücher!

 

Louise Brown: Was bleibt, wenn wir sterben

Nach dem Tod ihrer Eltern versucht die Journalistin Louise Brown der Endlichkeit des Lebens etwas Sinnstiftendes abzugewinnen. Sie wird Trauerrednerin und Zeugin dessen, was von uns bleibt. Dies verändert nicht nur ihre Einstellung zum Tod, sondern auch ihre Haltung zum Leben. Louise Brown schenkt uns unvergessliche Bilder, die daran erinnern, was uns als Menschen ausmacht. Ein tröstendes und befreiendes Buch, das Mut macht, das Leben auf die Dinge auszurichten, die von Bedeutung sind.

Anfang des Monats starb mein Vater. Dies ist eines der Bücher, das mir im Moment sehr hilft.

 

März (Jenny Erpenbeck, Lucy Foley, Joel Dicker, Richard Osman)

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

Ein Haus an einem märkischen See ist das Zentrum, zwölf Lebensläufe, Geschichten, Schicksale von den Zwanzigerjahren bis heute ranken sich darum. Das Haus und seine Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit der Nachwende.

Nachdem ich von Kairos (siehe Februar) so enttäuscht war, musste ich dieses hier trotzdem noch lesen. Schon allein der Sprache wegen. Und siehe da, diesmal hat sie mich gepackt. So viel Geschichte, auf so wenigen Seiten destilliert. Das Haus am See lud zum Baden ein. Auch wenn schreckliche Dinge passierten. Dieses Buch wird mich noch eine Weile beschäftigen…

 

Lucy Foley: The Guest List

On an island off the windswept Irish coast, guests gather for the wedding of the year – the marriage of Jules Keegan and Will Slater. Old friends. Past grudges. Happy families. Hidden jealousies. Thirteen guests. One body. The wedding cake has barely been cut when one of the guests is found dead. And as a storm unleashes its fury on the island, everyone is trapped. All have a secret. All have a motive. One guest won’t leave this wedding alive . . .

Spannende, gut gemachte Krimi-Unterhaltung. Was zum wegschmökern.

 

Joel Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Es ist der Aufmacher jeder Nachrichtensendung. Im Garten des hochangesehenen Schriftstellers Harry Quebert wurde eine Leiche entdeckt. Und in einer Ledertasche direkt daneben: das Originalmanuskript des Romans, mit dem er berühmt wurde. Als sich herausstellt, dass es sich bei der Leiche um die sterblichen Überreste der vor 33 Jahren verschollenen Nola handelt und Quebert auch noch zugibt, ein Verhältnis mit ihr gehabt zu haben, ist der Skandal perfekt. Quebert wird verhaftet und des Mordes angeklagt. Der einzige, der noch zu ihm hält, ist sein ehemaliger Schüler und Freund Marcus Goldman, inzwischen selbst ein erfolgreicher Schriftsteller. Überzeugt von der Unschuld seines Mentors – und auf der Suche nach einer Inspiration für seinen nächsten Roman – fährt Goldman nach Aurora und beginnt auf eigene Faust im Fall Nola zu ermitteln …

 

Richard Osman: Der Donnerstags Mordclub

Man möchte meinen, so eine luxuriöse Seniorenresidenz in der idyllischen Grafschaft Kent sei ein friedlicher Ort. Das dachte auch die fast achtzigjährige Joyce, als sie in Coopers Chase einzog. Bis sie Elizabeth, Ron und Ibrahim kennenlernt oder, anders gesagt, eine ehemalige Geheimagentin, einen ehemaligen Gewerkschaftsführer und einen ehemaligen Psychiater. Sie wird Teil ihres Clubs, der sich immer donnerstags im Puzzlezimmer trifft, um ungelöste Kriminalfälle aufzuklären. Als dann direkt vor ihrer Haustür ein Mord verübt wird, ist der Ermittlungseifer der vier Senioren natürlich geweckt, und selbst der Chefinspektor der lokalen Polizeidienststelle kann nur über ihren Scharfsinn staunen.

Unterwegs mit einer rüstigen Rentnergang, die Morde aufklärt. Miss Marple meets R.E.D. Sehr witzig, scharfsinnig und unterhaltsam (und der zweite Band ist sogar noch besser als der erste).

 

April (Joel Dicker, Juliane Marie Schreiber, Ich ging in die Wälder …, H.D. Walden)

 

Joel Dicker: Die Geschichte der Baltimores

Bis zum Tag der Katastrophe gab es die Goldmans aus Baltimore und die Goldmans aus Montclair. Die Baltimores hatten alles, was man sich vom Leben wünschen kann: Talent, Geld, Erfolg, ein prachtvolles Heim, zwei hochbegabte Söhne. Marcus Goldman, inzwischen erfolgreicher Schriftsteller, gehörte zu den weniger glamourösen Montclairs. Er verbrachte all seine Sommer bei den Baltimores und war für sie wie ein Sohn. Nun, acht Jahre nach der Katastrophe, beginnt Marcus, die Geschichte der Baltimores aufzuschreiben – und erkennt erst jetzt die wahren Gründe für die schrecklichen Ereignisse.

Joel Dicker: Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Es ist der 30. Juli 1994 in Orphea, ein warmer Sommerabend an der amerikanischen Ostküste: An diesem Tag wird der Badeort durch ein schreckliches Verbrechen erschüttert, denn in einem Mehrfachmord sterben der Bürgermeister und seine Familie sowie eine zufällige Passantin. Zwei jungen Polizisten, Jesse Rosenberg und Derek Scott, werden die Ermittlungen übertragen, und sie gehen ihrer Arbeit mit größter Sorgfalt nach, bis ein Schuldiger gefunden ist. Doch zwanzig Jahre später behauptet die Journalistin Stephanie Mailer, dass Rosenberg und Scott sich geirrt haben. Kurz darauf verschwindet die junge Frau …
Die idyllischen Hamptons sind Schauplatz einer fatalen Intrige, die Joël Dicker mit einzigartigem Gespür für Tempo und erzählerische Raffinesse entfaltet.

Ich habe die beiden obigen Bücher von Dicker hinereinander verschlungen. Obwohl die Personen in ihnen flache, zweidimensionale Charaktere sind und ich mit keiner so richtig mitfiebern konnte, schafft es der Autor, mich bei der Stange zu halten. Der Plot ist jeweils so schön ausgeklügelt, dass ich einfach bis zum Ende lesen musste, nur um zu wissen, wie es ausgeht (so ähnlich geht es mir auch mit den Büchern von Dan Brown)

 

Juliane Marie Schreiber: Ich möchte lieber nicht

Ratgeber und Duschbäder fordern uns auf, positiv zu sein. Wir sollen Scheitern als Chance begreifen und ständig unser Selbst entfalten. Doch der Terror des Positiven nervt, belastet jeden von uns und schwächt den Zusammenhalt: Wir betrachten Glück als Prestige und verstehen politische Probleme als persönliches Versagen. Das zeigt nicht nur die psychologische Forschung, sondern auch die Geschichte. Dagegen hilft nur Rebellion: Schimpfen ist Ausdruck gelebter Freiheit, ohne Schmerz gibt es keine Kunst, und Wut ist der Motor des Fortschritts. Denn die Welt wurde nicht von den Glücklichen verändert, sondern von den Unzufriedenen.

Dieses Buch war ein kleiner Augenöffner für mich. Der Begriff ‘toxische Positivität’ geistert ja schon länger in den sozialen Medien herum. Schreiber hat mein Unbehagen über die unzähligen kleinen und großen Aufforderungen, doch mal positiv zu denken und es einfach zu tun (denn du kannst alles schaffen, wenn du nur wirklich willst) in Worte gekleidet. Nur alleine das zu lesen, hat mich sehr erleichtert und Druck aus meinem Alltag rausgenommen. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre!

 

Ich ging in die Wälder … (Eine Anthologie)

Leben in einer Hütte, abgeschieden von moderner Technik, Konsum und anderen Menschen. Diese Vorstellung hat schon den US-Amerikaner Henry David Thoreau fasziniert, der sich Ende des 19. Jahrhunderts in eine Hütte im Wald zurückzog und seine Gedanken in dem Buch „Walden“ niederschrieb. Thoreaus Texte und seine Idee vom Leben in der Wildnis begeistern bis heute Generationen. Im Nationalpark Bayerischer Wald steht ein Nachbau der Thoreau-Hütte. Der Verein WaldZeit hat Künstlerinnen und Künstler dazu eingeladen, fünf Tage darin zu wohnen und sich mit den Thesen von Thoreau auseinanderzusetzen. Wie verhält es sich heute mit der Mensch-Natur-Beziehung? Wie steht es um unseren Wunsch nach Wildnis und mehr Nachhaltigkeit? Inspiriert der Aufenthalt in der Natur, den eigenen Lebensstil zu reflektieren? Die Teilnehmer waren bei Wind und Wetter unterwegs in der Natur und haben ihre Gefühle und Beobachtungen auf Papier, in Kunstwerken oder mit der Kamera festgehalten. Die Ergebnisse ihrer Woche in der Hütte sind in diesem Buch gesammelt.

Dieses Buch ist ein Teil meiner Recherche für mein neues Schreibprojekt. Habs noch nicht vollständig durchgearbeitet, finde es aber jetzt schon faszinierend.

 

H.D. Walden: Ein Stadtmensch im Wald

Ein großes Waldgebiet, eine einsam gelegene Hütte und in ihr: ein Naturbanause aus der Stadt. H. D. Waldens Bericht über seinen unverhofften Neuanfang mit der Natur. Ein Schriftsteller zieht sich allein in eine Hütte zurück, irgendwo im Ruppiner Waldgebiet. Die Gegend ist so verlassen, dass seine Freundin behauptet, die Waldtiere wüssten nicht, was Menschen sind und würden meinen, es handele sich um verrückte Kühe. Doch auch der Schriftsteller muss sich eingestehen, dass er nicht besser Bescheid weiß als die Tiere: Vögel beispielsweise sehen für ihn alle gleich aus. Ein Stadtmensch eben. Da er sonst nichts zu tun hat, beginnt er mit Hilfe einer Vogelbestimmungs-App und Vogelfutter sich der Angelegenheit zu nähern. Und tatsächlich, sie kommen alle angeschwirrt: Kohlmeisen, Kleiber, Dompfaffen – wie er nun lernt. Und sie unterscheiden sich charakterlich stark: die Mönchsgrasmücke benimmt sich draufgängerisch wie Tom Cruise, während die Kleiber so überdreht wie Kokainisten wirken.

Ebenfalls als Recherche für mein aktuelles Buchprojekt erworben. Ein schmales, aber sehr amüsantes Bändchen über einen typischen Stadtmenschen im Wald.

 

Mai (Simon Beckett, Simon Lelic, Bettina Kerwien, Haruki Murakami)

 

Simon Beckett: The Lost

Ten years ago, the disappearance of firearms police officer Jonah Colley’s young son almost destroyed him. A plea for help from an old friend leads Jonah to Slaughter Quay, and the discovery of four bodies. Brutally attacked and left for dead, he is the only survivor. Under suspicion himself, he uncovers a network of secrets and lies about the people he thought he knew – forcing him to question what really happened all those years ago…

Handwerklich gut gemacht, aber inhaltlich nix neues. Habs zwar zuende gelesen, weiß aber nicht genau, warum …

 

Simon Lelic: The Search Party

16-year-old Sadie Saunders is missing. Five friends set out into the woods to find her. But they’re not just friends… They’re suspects. You see, this was never a search party. It’s a witch hunt. And not everyone will make it home alive.

Die Story wird aus der Sicht der verschiedenen Teilnehmer*innen erzählt und es macht Spaß, das Puzzle zusammenzusetzen. Dazu noch eine kleine Überraschung am Schluss… Spannende Unterhaltung!

 

Bettina Kerwien: Tiergarten Blues

Das Dach der Kongresshalle im West-Berliner Tiergarten stürzt ein. Ein Unfall? Baumängel? Oder hat doch jemand nachgeholfen? Dann wird vor den Trümmern eine abgeschlagene Hand gefunden. Kommissar Peter Kappe nimmt mit Kriminalmeister Wolf Landsberger die Ermittlungen auf. Bald ist klar: Die Spur führt in die USA. Der Kommandant des Amerikanischen Sektors will den Fall an sich reißen. Ein Glück, dass sein Sonderermittler US-Major Bukowski nicht nur den Blues liebt, sondern auch Kappes neue Kollegin Roswitha Habedank. Aber genügt das, um den Fall zu lösen und die deutsch-amerikanische Freundschaft zu retten?

Die Berliner haben sie (mehr oder weniger) liebevoll ‚schwangere Auster‘ getauft: die Kongreßhalle im Tiergarten besitzt eben ein ganz besonders, gewagt geschwungenes Dach. So gewagt, dass es bei der Planung und dem Bau manche Stimme gab, die gegen eine Fertigstellung protestierten. Es sei zu unsicher. Doch der Prestige-Bau wurde durchgezogen und leider stürzte einige Zeit später tatsächlich das Dach ein. Um diesen (realen) Vorfall herum baut Bettina Kerwien geschickt und mit viel Schwung ihre (fiktive) Geschichte auf. Zuerst stirbt ein Koch, dann wird eine abgehackte Hand gefunden (nicht die seine) und kurz darauf der dazu passende Tote.

Was hat der Koch (und dessen Kotelettspalter) mit der Hand zu tun? Kommissar Kappe muss nicht nur das Rätsel lösen, sich an eine neue Kollegin gewöhnen (die Rosi aus Bayern) sondern sich auch noch mit amerikanischen Spionen auseinandersetzen. Alle jagen der Hand, bzw. deren Besitzer hinterher, und Doreen Niedergesäß aus der Pathologie (ich liebe diese Frau!) muss ordentlich tricksen.

Ein Hauch von Blues zieht durch das ganzer Buch, wenn z.B. Kappe im verrauchten Berliner Jazz- und Blues Keller Quasimodo seine Verdächtigen trifft. Big Bill Bukowski und seine Bloody Blues Band spielen auf und das ruft Erinnerungen wach. Überhaupt besteht ein großer Teil des Lesevergnügens darin, wie lebendig Kerwien die achtziger Jahre macht. Und das mit einem Schwung und einem Wortwitz, der mich immer wieder umhaut. Dazu gibt es natürlich einen ordentlich verzwickten Kriminalfall, der Kappe auch nach Ost-Berlin führt (sogar in einer Diplomaten-Limo).

Zwei Lieblingszitate (von vielen):

„Kappe ist interessant. Er hat so ein ehrliches, klares Gesicht wie ein nach Lavendel duftender Jesus auf einer Weihnachtskarte, der verirrte Seelen wieder auf den rechten Weg führen will.“

(denkt Rosi, die neue Kollegin)

„Ob Mörder, Polizisten, Musiker, Ingenieure oder Soldaten – in West-Berlin schlägt doch zum Schluß immer die Stunde der genialen Dilettanten.“

(denkt Kappe zwischendurch)

Kurzum: ein unterhaltsamer Krimi mit Spannung, Spaß und Wiedererkennungseffekt. „Man spielt nur mit dem Herzen gut“, sagt der Blues-Musiker/Diplomat/Spion Big Bill an einer Stelle (natürlich in Anlehnung an den kleinen Prinzen). Ich möchte hinzufügen, man schreibt nur mit dem Herzen gut. Und Kerwiens Schriftstellerinnenherz ist eindeutig am richtigen Fleck. Große Leseempfehlung!

 

Haruki Murakami: Die Ermordung des Kommendatore (I+II)

Allein reist der namenlose Erzähler und Maler ziellos durch Japan. Schließlich zieht er sich in ein abgelegenes Haus, das einem berühmten Künstler gehört, zurück. Eines Tages erhält er ein äußerst lukratives Angebot. Er soll das Porträt eines reichen Mannes anfertigen. Nach einigem Zögern nimmt er an, und Wataru Menshiki sitzt ihm fortan Modell. Doch der Ich-Erzähler findet nicht zu seiner alten Fertigkeit zurück. Das, was Menshiki ausmacht, kann er nicht erfassen. Wer ist dieser Mann, dessen Bildnis er keine Tiefe verleihen kann?

Ich hab ja schon mehrmals versucht, Murakami zu lesen, bisher immer erfolglos. Aber diesmal hat er mich dann doch gepackt. Spannend finde ich vor allem die Schilderung des Malens und die Überlegungen zur Kunst, merkwürdig manchmal die Sprache/die Gewichtungen: über Automodelle wird ebenso ruhig sinniert wie über heißen Sex. Interessante Geschichte, die mich nicht mehr loslässt.

Hier noch eine Kurzrezi vom Deutschlandfunk.

 

To be continued …

 

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