Verflucht gut küssen

Verflucht gut küssen

„Ich hätte nicht herkommen dürfen“, sagte die junge Hexe Pepper kurz vor Mitternacht zu ihrem schwarzen Kater.

Sie standen am Rand einer großen Lichtung im Wald und sahen dem wilden Treiben zu. Es war Walpurgisnacht und die internationale Hexenwelt hatte sich eingefunden, um zu tanzen, zu trinken und zu feiern.

„Du hast etwas Spaß verdient, du geht doch sonst nie aus“, erwiderte der Kater.

„Ich traue mich nicht“, gestand Pepper.

„Wenigstens tanzen könntest du doch.“

Zwei junge Hexen wirbelten lachend vorbei und küssten sich. Alle schienen genau zu wissen, wie man sich amüsiert. Pepper hingegen kannte sich mit Pflanzen aus. Sie besaß einen Instagram Account, auf dem sie Kräuterbilder aus ihrem Garten postete und einen Etsy-Shop, dessen Verkaufshit die Kräutermischung Liebeszauber 69 war. Doch gegen den Fluch, der auf ihr lag, war kein Kraut gewachsen. Pepper fühlte sich schrecklich einsam.

„Geh einfach los und fordere jemanden auf“, ermunterte der Kater sie.

Er hatte bemerkt, dass Peppers Augen sich immer wieder zum Buffet hin verirrten. Da stand ein schlanker junger Mann mit einem blonden Pagenkopf, der schon zweimal zu ihr herüber gesehen hatte.

„Guck mal, da kommt jemand“, verkündete der Kater.

Es war Tate Delacroix, der berühmte Hexenmeister des Algorithmus, der eine steile Karriere an der Börse gemacht hatte. Attraktiv, reich und sehr beliebt. Pepper zupfte nervös an ihrem schwarzen Kleid.

„Darf ich um diesen Tanz bitten?“

Sie nickte verlegen. Tate grinste und wirbelte sie zu den Klängen des Mephisto Walzers davon. Pepper wurde schwindelig, was nicht nur an seinem rasanten Tempo lag, sondern auch daran, wie er besitzergreifend ihre Taille umfasst hielt und sie mit weiß blitzenden Zähnen anlächelte.

„Ich habe dich noch nie auf einem Hexensabbat bemerkt.“

„Normalerweise gehe ich auch nicht aus.“

Und was sie nicht alles versäumt hatte! Als der Tanz endete, verbeugte sich Tate galant vor ihr, dann bot er ihr seinen Arm.

„Wollen wir uns ein wenig ausruhen? Ich kenne da ein ganz reizendes, verstecktes Plätzchen.“

Pepper wusste, jetzt wurde es ernst. Natürlich konnte man auch Spaß haben, ohne sich zu küssen. Aber sie musste ihn vorher wenigstens warnen.

„Ich muss dir etwas sagen.“

Er steuerte bereits zielstrebig auf das nächste Gebüsch zu. „Was denn, mein Fledermäuschen?“

„Ich habe da dieses Problem. Mit dem Küssen.“

Tate zog sie unbeirrt vorwärts. „Das kriegen wir schon hin, mein süßer kleiner Nachtfalter. Vertrau mir, ich habe Übung darin.“

Pepper blieb stehen. „Ja, das glaube ich dir gerne. Aber das ist nicht das Problem.“

„Sondern?“

„Da gibt es diesen Fluch…“

„Einen Fluch?“

Er blieb ebenfalls stehen. Pepper sprudelte los:

„Also, meine Mutter hat einen Mann geheiratet, in den eine andere Hexe unsterblich verliebt war. Aus Rache hat die mich bei meiner Geburt verflucht: jeder Mann, den ich küsse, muss sterben.“

Tates Gesicht wurde weiß. Dabei hatte sie ihm noch nicht einmal das Schlimmste erzählt. Denn die kleine Pepper hatte damals ihren Vater geküsst. Voller Freude, beim Spielen, mitten auf die Wange. Er war auf der Stelle tot umgefallen.

„Halte dich gefälligst von mir fern!“

Tate machte auf dem Absatz kehrt, und stürmte davon. Pepper blickte seinem breiten Rücken hinterher und seufzte leise.

„So ein Feigling“, sagte der Kater empört.

„Ich kann es ihm nicht wirklich übelnehmen“, sagte Pepper.

Tate hatte eine Gruppe von Hexern auf der anderen Seite des Tanzplatzes erreicht und sprach aufgeregt auf sie ein. Wie auf Kommando wandten sich deren Köpfe in ihre Richtung.

„Das war’s dann wohl“, sagte Pepper.

Die Neuigkeit würde sich mit magischer Geschwindigkeit unter den Feiernden ausbreiten.

„Ich gehe zum Parkplatz, meinen Besen holen.“

„Das wäre aber schade“, meinte eine helle, freundliche Stimme hinter ihr.

Pepper drehte sich um. Vor ihr stand der junge Blondschopf vom Buffet. Seine Augen hatten die Farbe des Meeres um Mitternacht, seine Lippen waren feingeschwungen und lächelten einladend. Peppers Herz tat einen freudigen Hüpfer … und dann fiel ihr wieder ein, wie sinnlos das war: „Du weißt nicht, wer ich bin.“

„Oh ja. Ich folge dir schon lange auf Instagram. Dein Kräutergarten ist Phänomenal.“

„Aber, hast du nicht gehört…“

„Delacroix ist ein Dummkopf und ein Feigling“, sagte der junge Mann. „Gestatten, mein Name ist Orlando und ich wäre entzückt, wenn du mir die Ehre eines Tanzes erweisen würdest.“

Er verbeugte sich elegant. Pepper konnte nicht widerstehen.

Orlando erwies sich nicht nur als hervorragender Tänzer, sondern auch kundiger Kräuterkenner. Sie unterhielten sich, lachten und Pepper war noch nie in ihrem Leben so glücklich gewesen. Die Musik hüpfte in ihrem Blut, machte ihre Beine leicht und ihr Herz weit. Orlandos Nähe stieg ihr zu Kopf wie ein würziger Liebestrank. Die Welt um sie herum versank. Pepper nahm nur noch seine blauen Augen und seine weichen Lippen wahr. Lippen, die sich den ihren näherten…

„Nein!“

Orlando wich sofort zurück. „Entschuldige. Ich dachte nur, es hätte bei dir ebenso gefunkt wie bei mir.“

Gefunkt? Pepper brannte bereits lichterloh. Aber darum ging es nicht.

„Ich dachte, du wüsstest, dass alle Männer, die ich küsse, sterben müssen!“

„Das weiß ich.“ Orlando lächelte fein. „Aber ich bin kein Mann.“

„Du bist …?“

Die feine weiche Haut, die schlanke Figur, die langen Wimpern. War sie denn völlig blind gewesen?

„Ich bin ich“, sagte Orlando. „Und ich würde dich sehr gerne küssen.“

Peppers Herz schlug wie verrückt. Sie brachte keinen Ton mehr heraus, aber nicken konnte sie noch. Orlandos Augen leuchteten auf. Dann bekam sie den ersten Kuss ihres Lebens und es war so viel besser als sie es sich in ihren kühnsten Träumen erhofft hatte. Es war pure Magie.

Pepper wusste, sie würde nie wieder einsam sein.

 

 

Im April wagen wir mit euch ein wildes Tänzchen im Rahmen von #phantastischermontag : Auf zur Walpurgisnacht!

Freut euch auf drei weitere neue Geschichten, die ich hier alle nach und nach verlinken werde:

Den Anfang macht C.A. Raaven mit Sowing the Seed.

Hier eine lyrisch-phantastische Geschichte von Maike Stein: Rauchkrähen.

Und hier eine bezirzende Story von Alexa Pukall: Hexenbann.

Viel Spaß beim Lesen!

 

PS

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Lieben Dank!

2 comments found

  1. Wunderbar! Ich musste ja schon bei dem Namen an Virginia Woolf denken – und hab mich dann doppelt gefreut am Ende. 🙂 Flüche haben halt so ihre ganz eigenen Tücken …

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