Seine letzte Masche

Seine letzte Masche

Johann zog Kaninchen aus dem Hut. Beruflich. Er war ein Magier, der sein Metier liebte. Die große Illusion, das kindliche Staunen. Das Unmögliche zum Frühstück.

Johann lebte allein und glücklich mit seiner Berufung.

Als er noch jünger war, hatte er hübsche Assistentinnen bezaubert und zögernde Jungfrauen zersägt. Aber keine konnte ihn fesseln.

Und dann besuchte Maggie seine Vorstellung.

Ach, Maggie.

Hippie, Rotschopf, Lebenskünstlerin.

Sie war eine Reisende, die immer wieder Dinge verlor. Ihr Geld, ihre Lesebrille, ihr Herz. Maggie liebte das Leben, liebte die Welt und alles, was es darin an fantastischen Menschen und Getier zu entdecken gab. Sie liebte Musiker, Maler, Schriftsteller. Künstler aller Art. Puppenspieler, Artisten. Und Magier.

Ach, Johann.

Er war bezaubert, gefesselt, verhext.

Maggie war so unverhofft wie ein Gedicht in Johanns Leben getreten, ein Gedicht dessen Rhythmus ihm ins Blut floss, dessen Bilder ihm nicht mehr aus dem Kopf gingen, dessen Reime sich in seinem Herzen einnisteten.

Johann bemühte sich mit aller Kraft, sie an sich zu binden. Mit seinen großen Gesten, seinen bunten Zaubertricks, mit seiner grandiosen Show, seinem fulminanten Auftreten. Doch es dauerte nicht lang und sie hatte seine Vorstellung satt, alle Tricks durchschaut und sämtliche Kaninchen freigelassen.

Da saß er nun, bar und bloß, nackt im Innersten. Er konnte ihr nichts übel nehmen, doch er hatte Angst. Jetzt, wo sie ihn sah, so wie er war, würde sie ihn dann noch lieben können? Ihn, einfach nur ihn, ohne seine Tricks, seine magischen Illusionen?

Denn nun, wo sie doch ihr Herz an ihn verloren hatte, wollte er es unbedingt behalten. So etwas wie ihr Herz hat er noch nie besessen. Ein bunter Vogel, lieblich anzusehen, der tagsüber wunderbar sang und sich des Nachts federweich an ihn schmiegte. Ein Vogel, der fliegen musste, um lebendig zu sein.

Er wusste, dass er sie nicht einsperren durfte. Er wollte eine glückliche Frau, keine traurige Gefangene. Aber er wollte sie auch nicht fort lassen. Er konnte schlichtweg nicht mehr ohne sie sein.

Maggie, wie alle Frauen, bekam öfters kalte Füße.

Johann war nicht nur ein Magier, sondern auch ein überaus praktischer Mann.

Also strickte er ihr Socken.

Aus Spinnwebfäden, aus feinster Seide, aus Licht, Luft, Liebe und Sehnsucht. Seidige Fäden, samtene Verstrickungen. Die Socken hatten die Farbe des Sonnenaufgangs und er murmelte leise Beschwörungen, während er die Fäden verknüpfte.

Träumen sollte Maggie von Wärme und Geborgenheit. Davon, an einem Kaminfeuer zu sitzen, während es draußen regnete. Die Füße in seinen Schoß gebettet, während er sie massierte. Diese Socken werden sie immer wieder zu ihm führen. Egal, wohin sie gehen will, ihre Füße werden immer wieder zurückkehren wollen. Zu ihm.

Daheim. Zu Hause.

Bleib hier. Bleib bei mir.

Mit diesen Fäden knüpfe ich dich, verknüpfe ich dein Schicksal mit dem meinen, du Wanderin, Weltenbummlerin.

Vorbei die Bummelei.

Maggie liebte die Socken. Sie liebte es, dass ein Mann für sie strickte. Sie hatte keine kalten Füße mehr. Alles war gut, alles war in Ordnung und sicher, denn Johann war da. Stetig und wahr mit seiner Zuneigung, seiner Liebe.

Warum stand sie dann immer öfter drinnen und guckte nach draußen und ihre Finger trommelte einen kleinen Rhythmus auf das Fensterbrett?

S.O.S.

Ach, Maggie.

Ihr Brot schmeckte nach Freiheit, ihre Suppe nach Meer.

Die Kaninchen, die es ihr zu verdanken hatten, dass sie nicht mehr in dunkle, enge Hüte gesteckt wurden, beobachteten Maggie vom Garten aus. Sie beratschlagten untereinander, was zu tun sei.

Eines Tages, Maggie hängte gerade Wäsche auf, lenkten sie sie ab mit lustigen Sprüngen und Kapriolen. Eines von ihnen stahl eine der magischen Socken aus dem Wäschekorb.

Der Bann war gebrochen, die Knoten gelöst.

Maggie erwachte wie aus einem Traum. Am selben Tag noch packte sie ihre Siebensachen und ging. Johann weinte in den übriggebliebenen Socken hinein. Alle seine Illusionen waren geplatzt wie Seifenblasen.

Er vernachlässigte den Garten, das Haus, seine Zaubereien und sich selbst. Sein Bart wuchs, bis er aussah wie ein alter, weiser Zauberer, dabei wurde er immer bitterer.

Die Kaninchen bekamen ein schlechtes Gewissen (und keine Karotten mehr). Aber sie konnten nichts tun.

Maggie reiste. Sie erlebte Abenteuer, sie schmeckte neues, aber irgendwie erschien ihr alles merkwürdig schal. Sie vermisste die schillernden Seifenblasen. Sie vermisste die unmöglichen Dinge zum Frühstück. Sie vermisste Johann. Seine Wärme und Herzlichkeit.

Also stand sie eines Tages wieder vor seiner Tür, die mittlerweile fast völlig zugewuchert war. Die erleichterten Kaninchen halfen ihr dabei, sie freizulegen.

Johann versprach ihr, keine Socken mehr zu stricken.

Maggie versprach ihm gemeinsame Reisen.

Die Kaninchen bekamen eine Wagenladung von Karotten.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

 

 

 


Als wir erfuhren, dass es einen Tag der verlorenen Socke gibt, waren wir spontan inspiriert und machten das sofort zu unserem Schreibthema im Mai.

Freut euch auf drei weitere Geschichten, jeden Montag eine neue. Alle werde ich hier nach und nach verlinken:

Bei C.A. Raaven gibt es das Worst Case Scenario.

Maike Stein macht eine sehr überraschende Entdeckung: Sockenfrieden 2020

Und bei Alexa Pukall gibt es eine ganz besondere Waschmaschine: Ein passendes Paar

Was es mit unserer Story-Aktion auf sich hat, erfahrt ihr hier: #phantastischermontag

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Lieben Dank!

 

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