Kleine Teufelei

Kleine Teufelei

In der Mittsommernacht erschien Millie im Traum der Teufel. Das war schon an und für sich kein gutes Zeichen, aber wenn man sich mit der Hoffnung, seinen zukünftigen Ehemann im Traum zu sehen, ins Bett gelegt hatte … nun, dann erst recht nicht.

„Was hast du erwartet?“, fragte der Teufel.

Sie saßen in einer Bibliothek. Millie beäugte ihn skeptisch. Der Teufel äugte über den Rand seiner Brille zurück. Er trug Jeans und ein Tweed Sakko und sah aus wie ein Bibliothekar, der früher mal Geheimagent gewesen war: etwas aus der Form geraten und mit einem überrascht-fragenden Gesichtsausdruck (wie hatte das passieren können?). Wenn da nicht der Huf gewesen wäre, der anstelle eines Schuhes aus seinem linken Hosenbein herausragte, und dazu der leichte Schwefelgeruch …

„Jemanden, der sexier ist.“

Dazu noch intelligent, aufgeschlossen, humorvoll. Ein guter Koch, ein aufmerksamer Zuhörer und ein Tiger im Bett. Sie hatte die ganzen Nieten, mit denen sie es zu tun gehabt hatte, die selbstsüchtigen, kindischen Bengel, die nie erwachsen zu werden schienen, gründlich satt. Zwei hatten sich sogar damit gerühmt, noch nie in ihrem Leben ein Buch gelesen zu haben. Noch nie in ihrem Leben!

„Ist sexier überhaupt ein Wort?“, murmelte der Teufel und schlug in einem großen Wörterbuch nach.

Der Legende nach sollten junge Mädchen in der Mittsommernacht von sieben verschiedenen Wiesen sieben wilde Blumen pflücken und unter ihr Kopfkissen legen. Im Laufe der Nacht würden sie dann von ihrem zukünftigen Ehemann träumen. Millie war zwar weder jung noch ein Mädchen, aber die Hoffnung hatte sie in all den Jahren immer noch nicht aufgegeben. Sie wollte nicht mehr allein leben.

„Ist es nicht!“, triumphierte der Teufel und hielt ihr das Wörterbuch unter die Nase.

Millie hatte keine Lust gehabt, mitten in der Stadt sieben Wiesen zu suchen. Sie hatte einfach ihre Balkonkästen abgegrast. Da gab es Geranien, Lavendel, Schneeflockenblumen, Vanilleblumen und diverse Kräuter. Das, so hatte Millie sich gedacht, würden allemal reichen. Jetzt bereute sie ihre Faulheit.

„Wozu brauchst du denn noch einen Ehemann?“

Der Teufel betrachtete Millie mit hochgezogenen Augenbrauen. Das ‚in deinem Alter‘ musste er gar nicht aussprechen, das war deutlich in seinen dunklen Augen zu lesen.

„Ich bin erst sechsundsechzig!“, sagte Millie.

Die Augenbrauen des Teufels (dicht und buschig) wanderten noch höher.

„Da ist noch lange nicht Schluss!“, beharrte Millie.

Der Teufel seufzte. „Ich mache die Regeln nicht.“

„Wie bitte?“

„Das habt ihr alles euch selber zuzuschreiben. Dieser ganze Jugendwahn und das Abschieben der Alten in Heime. Sexy ist nur, wer jung und fit ist.“ Er deutete mit dem Finger auf Millie. „Gib es zu, du bist genauso. Gerade eben noch hast du meine Sexyness angezweifelt.“

„Ist Sexyness überhaupt ein Wort?“

Millie schlug im Wörterbuch nach. Der Teufel beugte sich interessiert vor.

„Ist es nicht!“, sagte Millie.

„Schade“, sagte der Teufel.

In einem Punkt hatte er jedoch recht gehabt. Millie war genauso besessen vom Jugendwahn wie alle anderen. Jeden Morgen kontrollierte sie den Zustand der Falten in ihrem Gesicht, spachtelte Make-up hinein und stäubte Puder darüber. Sie zwängte sich in ein Bauchweg-Höschen und sperrte ihren Busen in sein Gefängnis. Hauptsache, nichts wibbelte und wabbelte beim Gehen.

„Ich könnte da natürlich was drehen…“, sagte der Teufel nachdenklich.

„Was?“

„Schon mal Goethes Faust gelesen?“

„In der Schule.“

„Ich mach dich wieder jung und hübsch, so wie Mephisto den alten Faust. Dann kannst du dir einen Mann aussuchen.“

Alles noch mal von vorne durchmachen, dazu hatte sie nun wirklich keine Lust. Aber das mit dem Jugendwahn hatte ihr zu denken gegeben. Vielleicht sollte sie ihre eigenen Ansprüche mal überprüfen? Und dieses Bauchweg-Höschen, das konnte eigentlich auch weg.

„Muss ich dann einen Vertrag mit Blut unterschreiben, der dir dafür meine Seele verspricht?“

„Reine Formalität“, sagte der Teufel.

Und sie würde in der Hölle landen.

„Von wegen“, sagte Millie. „Nein danke.“

Der Teufel schnippte mit den Fingern. Sie standen auf einem langen, grauen Flur, von dem viele Türen abgingen, und in dem es durchdringend nach Desinfektionsmittel und Urin roch. Er stieß eine der Türen auf. Dahinter, in einem kargen, beigefarbenen Zimmer, lag eine kleine alte Frau im Bett. Sie atmete röchelnd und mit langen Unterbrechungen.

„Du wirst einsam, alt, krank und vor allem ganz allein sterben“, sagte der Teufel.

Er hatte in der dunkelste Ecke ihre Seele herumgestochert und ihre schlimmste Furcht aufgescheucht. Panik hackte an Millies Herz herum wie eine Krähe an einem platt gefahrenen Kaninchen. Sie kniff fest die Augen zusammen, weil sie das nicht mehr sehen wollte. Sie wollte doch nur nicht mehr einsam sein. Sie wollte ein schönes, ein gutes Leben haben. Sie wollte vor allem nichts mit dem Teufel zu tun haben. Der Teufel … da war doch was?

Millie riss die Augen wieder auf.

„Du bist ein professioneller Lügner!“

Er zuckte gleichgültig mit den Achseln. „Was dachtest du denn?“

Millie zeigte auf die Gestalt im Bett. „Das da ist überhaupt nicht wahr. Oder wenn, dann ist es nur eine Wahrheit. Eine Möglichkeit von vielen, und die hängen davon ab, wie ich mich entscheide!“

Die Umgebung verblasste langsam. „Ich habe Freunde. Alte Freunde, neue Freunde.“

Um sie herum wurde eine große Wohnküche sichtbar. An einem langen Holztisch saßen Menschen unterschiedlichen Alters, lachten, aßen, tranken, redeten. Neben dem Herd schlief eine Katze. Der Teufel verzog ob der spürbaren Freude im Raum angewidert das Gesicht.

„Das hier ist mein Traum, mein Leben!“, sagte Millie. „Ich kann vieles nicht steuern, aber ich werde mein Bestes geben, das, was in meiner Macht steht, selber zu beeinflussen. Ohne dich!“

„Ich dachte, ich versuche dich mal“, sagte der Teufel. „Aber ich sehe schon, das mit uns beiden wird nichts. Vorerst.“ Er stand auf und verbeugte sich schwungvoll.„Man sieht sich.“

Weg war er.

Millie wachte auf, gähnte und reckte sich. Die Blumen unter ihrem Kissen waren plattgedrückt. Sie hatten sowieso nichts bewirkt, Millie erinnert sich nicht, überhaupt etwas geträumt zu haben. Sie stand auf, machte sich einen schönen Kaffee, aß ein Croissant und überlegte, wie lange sie eigentlich schon nicht mehr in der Bibliothek gewesen war.

 

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Unser Thema im Juni lautet Mittsommer:

Bei C.A. Raaven gibt es eine echte Prinzessin des Windes: Wendepunkt.

Bei Maike Stein hilft ein neuer Hausgenosse: Drachenwende.

Alexa Pukall bringt uns zum Abheben: Weiße Nacht.

Von unserer Gastautorin Christina Löw stammt: Eine Fee auf Menschenbesuch

Was es mit unserer Story-Aktion auf sich hat, erfahrt ihr hier: #phantastischermontag

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