Braves Mädchen

Braves Mädchen

Man sollte die (schnurgeraden) Wege nicht verlassen. Den (akkurat geschnittenen) Rasen nicht betreten. Die (sittsam gewachsenen) Blumen nicht pflücken. Dieser Garten war ein Garten der Verbotsschilder und Lina bereute es bereits, hierhergekommen zu sein.

Aber das tat man nun mal, wenn man im Urlaub war: Man besichtigte Dinge. Man nahm sich Zeit, um an den Rosen zu schnuppern (das war erlaubt, allerdings nur, wenn man nicht den Weg verließ), und Lina besichtigte gerne Gärten und Parks.

Die Rosen in diesem Garten dufteten vorschriftsmäßig (aber nicht übertrieben) nach Rosen. Als hätte man sie einparfümiert.

Am strahlend blauen Himmel schien pflichtgemäß die Sonne.

Lina mochte Bauerngärten, in denen alles wild und bunt durcheinander wucherte. Die pure Lebensfreude. Sie hatte auch nichts gegen Zen-Gärten, die ruhige Zurückhaltung und inneren Frieden verkörperten. Aber das hier, das war einfach … nichts.

Schlimmer noch, es erinnerte sie an das Großraumbüro, in dem sie arbeitete. Eckig, kantig, präzise und gestopft voll mit Vorschriften und Ermahnungen.

„Dieser Garten hat keine Seele“, murmelte sie.

„Finden Sie das auch?“

Lina zuckte zusammen. Ein kleiner, runder Kerl mit einer Schiebermütze war neben ihr aufgetaucht, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den kritischen Blick auf den englischen Rasen gerichtet. Er trug einen regenbogenfarbenen Anzug, der etwas abgewetzt aussah und viel zu groß war. Es entsprach nicht ihrer Gewohnheit, mit Fremden zu reden. Aber, wenn es um Gärten ging …

„Es ist alles so gerade. Quadratisch, praktisch, gut.“

Er schüttelte den Kopf.„Nicht gut.“

„Nein“, bestätigte Lina.

Er musterte sie von der Seite. Lina strich sich über den brauen Rock, zupfte an den Ärmeln ihrer sandfarbenen Bluse. Es gab nichts an ihr, das irgendwie auffällig wäre. Oder hatte sie da irgendwo einen Fleck?

Der kleine Kerl seufzte leise. „Sehen Sie das Türchen da hinten in der Mauer?“

Lina blinzelte gegen die Sonne. Die hohe Mauer, die den Garten umschloss, war glatt und abweisend. Da gab es nirgendwo eine Tür … oder doch?

„Geheimtipp“, sagte der kleine Kerl nachdrücklich.

Jetzt sah Lina sie. Schmal, dunkelgrün, gleich neben dem Lavendelbeet.

„Die ist vorhin aber noch nicht da gewesen?“

Sie drehte sich um. Der kleine Kerl war verschwunden. Lina hatte eigentlich geplant, im Café vorne am Eingang eine Tasse Tee zu trinken. Aber jetzt war sie neugierig geworden. Sie umrundete den Rasen und griff nach dem Messingtürknauf. Er war warm.

Mit einem leisen Knarren öffnete sich die Tür und Lina trat hindurch. Es war, als würde sie in eine andere Welt eintauchen. Auch hier, ein Garten. Aber was für einer. Bäume und Büsche, Blumen und Grünpflanzen wuchsen wild und wunderbar durcheinander, es herrschte ein regelrechter Aufruhr an Farben, Formen und Düften. Insekten summten eifrig herum. Ein weißes Kaninchen schlug sich in die Büsche und vorn irgendwoher erklang das leise Plätschern eines Brunnens.

Ein schmaler Pfad schlängelte sich durch diese bunte Welt und Lina schritt staunend vorwärts. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Trotz aller Anarchie gab es doch eine Art von Ordnung. Niemand überwucherte seinen Nachbarn, alle schienen bestrebt, miteinander und nicht gegeneinander zu gedeihen. Dieser Garten hatte eine Seele. Sie war üppig, herzlich und offen. Lina fühlte sich gleich Willkommen.

Der Pfad machte einen kleinen Schlenker und sie betrat ein schattiges Plätzchen, auf dem eine schmiedeeiserne, verschnörkelte Bank zu einer Pause einlud. Auf ihrer linken Armlehne stand ein Einwegglas, worin sich etwas Buntes bewegte.

Neugierig trat Lina näher und setzte sich. War das ein Schmetterling? Ja, und noch dazu ein sehr schöner. Kein langweiliger Kohlweißling, noch nicht mal ein Pfauenauge. Nein, dieser hier war kunterbunt und so wunderbar und wild wie der ganze Garten.

„Wer hat dich denn eingesperrt?“

Einem Impuls folgend nahm Lina das Glas hoch und wollte den Deckel öffnen. Dann zuckte sie heftig zusammen und hätte es beinahe fallen lassen.

Jetzt, aus der Nähe, sah sie es erst: Der Schmetterling hatte ihr Gesicht. Kein Zweifel. Es waren ihre braunen Augen, ihre schmalen Lippen, ihre dunkelblonden Haare. Ihr resignierter Gesichtsausdruck im Spiegel, wenn sie sich morgens im Bad für die Arbeit fertig machte. Allerdings hatte sie nie in ihrem Leben so ein wunderbares, buntes Paar Flügel besessen.

Mit zitternden Händen stellte sie das Glas wieder auf die Armlehne zurück. Der Schmetterling flatterte heftig. Lina meinte, Enttäuschung zu spüren und ihr Herz tat weh.

„Aber das geht doch nicht“, sagte sie leise. „Du bist doch viel zu bunt.“

Ihr ganzes Leben lang hatte Lina sich bemüht, nicht unangenehm aufzufallen. Sie war ein braves Mädchen gewesen, dass sich über entsprechendes Lob der Erwachsenen freute, sie war ein ruhiger Teenager gewesen und hatte am Wochenende lieber gelesen, als zum Tanzen zu gehen. Jetzt war sie eine ordentliche, fleißige Angestellte, die gewissenhaft ihre Aufgaben erfüllte und ein kleines, aber sicheres regelmäßiges Einkommen bezog. Arno aus der Buchhaltung hatte sie neulich zum Kaffee eingeladen. Er war solide und zuverlässig. Ihre Eltern würden ihn mögen.

Und wenn manchmal Nachts durch ihre Träume etwas Wildes, Buntes flatterte, wenn sie manchmal im Traum laute Lieder sang und Abenteuer erlebte, dann konnte sie sich morgens schon kaum noch daran erinnern.

So was tat man eben nicht.

Eine Biene summte vorbei. Sonnenstrahlen fielen durch das Blätterdach, malten kleine Kringel auf ihren Handrücken. Ein Lufthauch strich sanft über ihre erhitzen Wangen.

„Ich habe schreckliche Angst, wie ich mein Leben leben soll“, flüsterte Lina.

Das beigefarbene Leben, das leise, unauffällige, garantierte ihr Sicherheit. Aber wovor denn eigentlich? Hauptsache, nicht auffallen. Hauptsache, nicht sichtbar werden. Keine Kritik, keine Ablehnung herausfordern.

Würde man das auf ihren Grabstein schreiben?

Sie war immer ein braves Mädchen gewesen.

Und brave Mädchen kommen in den Himmel. Aber böse Mädchen kommen überall hin.

„Es ist eine Falle“, erkannte Lina.

Und sie hatte sich selbst eingesperrt. Vorsichtig nahm sie das Einmachglas wieder hoch.

„Ich habe kein Interesse daran, böse zu sein. Ich will auch nicht überall hin. Aber etwas mehr raus, das wäre schon fein. Und etwas mehr Farbe im Leben und eine ordentliche Portion Mut und Selbstbestimmung auch.“

Sie atmete tief ein und öffnete den Deckel. Der Schmetterling hüpfte auf den Glasrand und breitete glücklich die Flügel aus.

„Wunderschön“, sagte Lina andächtig.

Sie hatte große Lust, das zu malen. Mit satten, bunten Ölfarben auf eine große Leinwand.

Und warum auch nicht?

„Vielleicht hat Arno Lust, mit mir zusammen einen Malkurs zu besuchen.“

Und wenn nicht, dann würde sie es eben alleine tun.

„Singen im Chor. Nach Italien reisen. Indisch kochen.“

Es gab so vieles, was sie machen konnte. Der Schmetterling hob ab. Er umkreiste Lina einmal, dann flatterte er hoch, ins Blaue hinein.

Schmetterlinge sind schon im Himmel.

 

 

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Vier Autor*innen, ein Thema, vier Kurzgeschichten. Jeden Montag eine, reihum auf unseren Blogs kostenlos zu lesen, damit eure Woche einen wahrhaft phantastischen Start hat: Das ist #phantastischermontag.

In 2021 lassen wir uns von unseren Lieblingssongs zu Geschichten inspirieren.

Im September ist es Crowbar von Frank Carter and the Rattlesnakes. Die anderen Beiträge werde ich hier nach und nach verlinken:

Bei C.A. Raaven heißt es Future is now.

 

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