Vicky

Vicky

M12 stand am Fenster des Labors. Die letzten Strahlen des Sonnenuntergangs verliehen seinem ruhigen, ebenmäßigen Gesicht einen blutroten Glanz. Vicky hatte ihn zwar erschaffen, aber was er gerade dachte, wusste sie trotzdem nicht. Nicht, dass es etwas ändern würde. Die Präsidentin war schon auf dem Weg hierher.

M12 schloss die Augen. Seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Vickys Blick irrte zu dem Tablett mit der Spritze. Sie hatte die Mischung selbst aufgezogen. Es war ein Experiment. Noch eines. Hoffentlich mit einem besseren Erfolg.

„Es wird ganz schnell gehen.“

Warum hatte sie das gesagt? Als ob es einen Unterschied machen würde. Als ob sie ihm etwas schuldig wäre. M12 öffnete seine Augen wieder und sah sie an. Es war ein melancholischer, leicht verträumter Blick.

„Ich bin sehr gespannt darauf, was nach dem Tod kommt“, sagte er.

Vicky hatte irgendwo einen Fehler gemacht. In der nächsten Testreihe … aber es würde keine Testreihen mehr geben. Das hatte die Präsidentin entschieden. Gleich nachdem sie die Zerstörung dieses misslungenen Exemplars angeordnet hatte.

„Gar nichts“, sagte Vicky.

Sämtliche Götter und Religionen waren schon lange abgeschafft worden. Nachdem ein Virus alle Männer auf der Erde ausgelöscht hatte, lag die Macht endlich in den Händen der Frauen. Und die hatten beschlossen, es besser zu machen.

„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erden…“

M12 ließ das Shakespeare Zitat unvollendet. Hoffnung hing scharf in der Luft wie der Geruch nach verbranntem Kuchen. Vicky hatte sein Gehirn weisungsgemäß mit den alten Männern gefüttert, den Dichtern und Denkern, Philosophen, Schriftstellern, Musikern. Wagner, Hobbes und Nietzsche. Und natürlich Marx, Engels und Bakunin. Lenin. Stalin. Franco. Churchill. Hitler. Trump.

Um nur einige zu nennen.

Ihr Auftrag, ihre einzige, ganz besondere Aufgabe, war es gewesen, ein Musterexemplar zu erschaffen. Ein Vorführmodell, ein Beispiel für die Arroganz, den megalomanen Egoismus, der so typisch für die männlichen Vertreter der Spezies waren.

„Es tut mir leid, dass ich so eine Enttäuschung bin“, sagte M12.

Statt sich aufzuplustern, entschuldigte er sich. Statt zu schlagen, zitierte er lieber Gedichte. Wenn er doch wenigstens ein klein wenig der typischen, toxischen Männlichkeit zeigen würde. Hätte sie die Dosis Machiavelli besser doch erhöht?

„Du kannst nichts dafür“, sagte Vicky.

Er hatte ihr abends vorgelesen. Ihre eigene Auswahl, zum Ausgleich (wahrscheinlich lag da der Fehler): Jane Austen, Virginia Woolf, Mary Shelley. Die Sonette von Shakespeare. Das hätte sie gar nicht erst einreißen lassen dürfen. Aber sie hatte eben schon viel zu lange alleine gelebt. Jetzt würde sie seine ruhige, tiefe Stimme vermissen.

„Victoria Stein?“

Vicky zuckte zusammen. Die Leibwächterinnen der Präsidentin hielten anscheinend nichts vom Anklopfen. Im Nu war das Labor voll mit schwarz gekleideten, gut durchtrainierten Frauen. Mitten drin Kira höchstpersönlich. Hatte es sich nicht nehmen lassen, dem Ereignis persönlich beizuwohnen. Wollte wohl sicher gehen, dass alles ordnungsgemäß ablief.

„Alles bereit?“, wollte die Präsidentin wissen.

M12 sah noch einmal aus dem Fenster. Die Leibwächterinnen umringten ihn, packten seine Arme.

„Es läuft einfach so frei rum?“, wunderte sich Kira.

„M12 ist nicht gefährlich.“

Die Leibwächterinnen schleiften ihn trotzdem hinüber zum Untersuchungstisch. Er wurde darauf gedrückt und festgeschnallt.

„Nein, scheinbar wirklich nicht“, sagte die Präsidentin. „Zu schade.“

M12 konnte nur noch den Kopf bewegen. Er sah Vicky an.

„Sie haben Pionierarbeit geleistet, Doktorin Stein. Nur anhand der Gensequenzen, die wir zufällig entdeckt haben, ein männliches Exemplar zu erschaffen, das ist schon beachtlich.“

Sie trat näher an Vicky heran und senkte ihre Stimme ein wenig: „Schreibt es tatsächlich Gedichte?“

Eine aus dem Team musste geplaudert haben. Vicky würde schon noch herausfinden, wer.

M12 öffnete den Mund, Vicky warf ihm einen warnenden Blick zu. Er schloss seinen Mund wieder.

Die Präsidentin schüttelte ungläubig den Kopf.

Der Käfig, künftiger Aufenthaltsort für das abschreckende Beispiel toxischer Maskulinität, hatte schon bereitgestanden.

„Männer hätten unseren schönen Planeten beinahe zugrunde gerichtet“, sagte die Präsidentin, jetzt wieder etwas lauter. Sie hatte sich in Pose geworfen, der goldene Anstecker an ihrer Uniform (eine stilisierte Vagina) glänzte im Licht der untergehenden Sonne. „Bis ein von ihnen künstlich geschaffener Virus sie selber zerstörte.“

Das war jedenfalls die offizielle Version. Vicky hatte auch schon ganz andere Geschichten gehört. Aber die behielt frau besser für sich.

„Wir wissen, was sie getan haben. Wir brauchen kein abschreckendes Beispiel.“

Es war die Idee der Präsidentin gewesen. Aber das verschwieg sie jetzt natürlich.

„Vor allem brauchen wir keine Männer. Doktorin Stein?“

Die Präsidentin machte eine ungeduldige Handbewegung. Vicky nahm die Spritze. M12 sah sie an. Er schluckte.

„Als unsere Schulweisheit sich träumen lässt“, beendete Vicky leise das Shakespeare Zitat.

Er nickte, versuchte ein zittriges Lächeln. Es misslang. Vicky setzte die Nadel an. Ein leichter Ruck lief durch seinen Körper, dann entspannte sich M12. Es ging alles sehr schnell.

„Ist es tot?“, wollte die Präsidentin wissen.

Vicky nickte. Eine schwarz gekleidete Frau schob sie zur Seite, neigte sich über ihn. Die Präsidentin hatte ihre eigene Ärztin mitgebracht.

„Es ist tot“, bestätigte diese.

Vicky merkte, dass sie ihren Atem angehalten hatte.

„Sie sind verantwortlich für die fachgerechte Entsorgung“, sagte die Präsidentin.

„Darum werde ich mich höchstpersönlich kümmern.“

Die Präsidentin nickte zufrieden. Ihre Leibwächterinnen scharten sich um sie und im Handumdrehen war das Labor wieder leer und still. Zu still. Vicky lauschte, bis die Schritte im Flur verklungen waren. Bis sie unten auf der Straße die Limousine und alle Begleitwagen abfahren hörte. Bis ihr eigener Herzschlag ihr wie ein Trommelwirbel in den Ohren klang.

Vorsichtig trat Vicky an die Liege heran. Er hatte ihr aus Romeo und Julia vorgelesen, und dabei war ihr die Idee gekommen. Ein entsprechendes Präparat zusammenzustellen war nicht so schwer gewesen. Aber sie hatte keine Zeit mehr für einen Test gehabt.

Vicky nahm sein rechtes Handgelenk, tastete nach einem Puls. Dann sah sie seine Augenlider leicht zucken. Erleichterung machte ihre Knie schwach. Aber nur einen Moment lang.

Zu Hause war schon alles vorbereitet. Kein Käfig, aber ein sicherer Raum: Vickys verbotene Bibliothek. Sie könnten mit Goethes Wahlverwandtschaften beginnen. Vicky freute sich schon auf heute Abend.

 

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Im August haben wir uns mal eine Auswahl erlaubt: Themen waren entweder Tag der Verschwundenen oder der Frankenstein-Tag. Mich hat natürlich letzterer ganz besonders angesprochen.

 

Bei Christian Raabe gibts eine ganz ungewöhnliche Perspektive: Resurrection Reloaded

Maike Stein nimmt uns mit auf einen Nachtflug.

Alexa Pukall fragt sich, wer das Monster ist in Der Schöpfer aller Dinge

Und unsere Gastautorin Swantje Niemann entführt uns in eine andere Welt in ihrer Geschichte zum phantastischen Montag.

 

Was es mit unserer Story-Aktion auf sich hat, erfahrt ihr hier: #phantastischermontag

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