Des Rätsels Lösung

Des Rätsels Lösung

Er sitzt jeden Tag zur selben Zeit auf derselben Bank im Park. Ein Park ist nicht so gut wie ein Wald, aber Wälder gibt es heutzutage kaum mehr. Zumindest nicht die großen, wilden seiner Jugendzeit. Dahin, dahin. So wie viele ihrer einstigen Bewohner.

Er streicht sich nachdenklich die Barthaare. Es hat keinen Sinn, maroden Gedanken nachzuhängen. Er kann froh sein, dass er überhaupt noch da ist. Dass er nicht gejagt wurde oder der schleichenden Krankheiten des Vergessens anheimfiel.

Sanftes Herbstlicht streicht durch die Bäume, auf dem Kiesweg liegen bunte Blätter.

Er hat seine kleinen Vergnügen. Dazu gehört das Kreuzworträtsel in der Tageszeitung.

Fünf senkrecht, Kreatur aus der irischen Mythologie, erster Buchstabe P? Er lacht. Ein Vogel gibt einen erschreckten Laut von sich und fliegt auf.

Eine alte Dame spaziert gemächlich vorbei, streift die Bank mit einem Blick. Er tippt höflich an seinen Hut, sie ignoriert ihn. Er sieht an seinem Anzug herunter. Es ist nicht mehr das neueste Modell, aber es sitzt tadellos.

Er schreibt Pukka hin.

Räder quietschen auf dem Weg entlang. Ein süßes kleines Gör im Kinderwagen starrt ihn mit großen Augen an. Er winkt.

„Guck mal Mami. Hase!“

„Ja mein Schatz“, sagt die Mutter abwesend. Sie schiebt mit der linken den Kinderwagen, während sie mit der rechten auf ihrem Handy herumtippt.

Das Kind streckt seine Patschhändchen nach ihm aus.

„Guck! Mami!“

Mami blickt kurz auf, sieht nichts, widmet sich wieder dem kleinen Bildschirm. Er winkt noch einmal, das Kind winkt zurück. Dann sind sie fort.

Mit Kindern kann er gut. Mit Erwachsenen weniger. Es kam ihm sowieso immer nur darauf an, von einer ganz bestimmten Art von Menschen wahrgenommen zu werden. Denen, die ein bisschen anders waren. Die von allem zu viel hatten: zu viel Fantasie, zu viel Mitgefühl, zu viel Liebe. Wo waren sie hin? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass er mittlerweile für fast alle so gut wie unsichtbar war. Selbst die Kinder sahen ihn nicht mehr alle, und auch nur manche Betrunkene.

Zehn waagerecht, das große menschliche Problem unserer Zeit, erster Buchstabe E?

Früher hatte er keine Probleme damit gehabt, Freunde zu finden. Er erinnerte sich besonders gerne an einen jungen Mann drüben in den Staaten, der so ein überaus angenehmer, liebenswürdiger Zeitgenosse gewesen war. Wie oft hatten sie nicht in der Kneipe gesessen, über Götter und die Welt geredet, philosophiert und sich amüsiert?

Er seufzt leise und schreibt Einsamkeit hin.

Ein Freund ist jemand, der für dich da ist. Der dir zuhört. Mit dir durch dick und dünn geht. Dich so mag, wie du bist, mit allen Macken und Problemen. Er war gerne Freund gewesen. Das hat Freude gemacht, seinem Leben einen Sinn gegeben.

Er hat seine Freunde immer auf ihren Wegen begleitet, sie nicht im Stich gelassen. Niemals. Und sie haben es ihm gedankt.

Doch heutzutage haben sie fünfhundert Freunde auf Facebook, siebenhundert Follower auf Twitter und tausend auf Instagram. Nicht einen davon können sie notfalls auch mal nachts um drei anrufen, wenn es ihnen schlecht ginge. Aber sie machen viele hübsche bunte Bilder.

Sie haben neue Götter, die er nicht versteht. Bei Pan, früher war alles einfacher.

Er schnaubt verächtlich über sein eigenes Gejammer. Vielleicht sollte er die Konsequenzen ziehen. Er wurde nicht mehr gebraucht. Warum sträubte er sich gegen sein Verblassen?

„Shit, du crazy bitch, lass mich in Ruhe!“

Er zuckt zusammen.

Ein paar Meter weiter den Weg hinunter schreit ein junger Mann auf eine junge Frau ein. Er trägt schwarzes Leder und sein Gesicht ist mit Metall gespickt, das in der Sonne glänzt. Die junge Frau hat blaue Haare und hängende Schultern.

„Ich will dich nicht. Dich will eh keiner, du bist echt too much!“

Sie sagt etwas, dass er nicht verstehen kann. Lederjunge holt aus, seine Hand klatscht auf ihre Wange.

Das geht zu weit. Er springt auf, ist in wenigen Sätzen bei ihnen. Nicht dass er viel tun kann, aber ein oder zwei Tricks hat er immer noch auf Lager.

Lederjunge hat schon wieder die Hand erhoben, das Mädchen tritt einen Schritt zurück. Lederjunge folgt ihr. Das heißt, er will ihr folgen, aber dazu kommt er nicht. Denn, oh weh, er stolpert (hat ihm etwa jemand ein Bein gestellt, aber wer denn, da ist doch niemand?) und knallt auf den Kiesweg.

„Scheiße, Mann. Blöde Schlampe.“

Lederjunge rappelt sich auf, er ist noch nicht fertig. Aber irgend etwas kneift ihn in die Wange. Da, schon wieder.

„Hinfort mit dir, du Wicht!“ dröhnt eine dumpfe Stimme an seinem Ohr.

Lederjunge sieht sich hektisch um. Da ist niemand! Er holt erneut aus und dann kriegt er einen kräftigen Tritt in den Hintern. Er stolpert zur Seite.

„Hinfort!“, dröhnte es erneut.

„Dein crazy ist ansteckend, bitch!“, jammert Lederjunge und verzieht sich.

Blauhaar sieht ihm mit geröteten Augen hinterher. Zumindest ist sie schlau genug, ihm nicht auch noch nachzulaufen.

Leider hat das Kreuzworträtsel nicht überlebt. Er hat ganz vergessen, dass er es noch festhielt. Jetzt ist die Seite völlig zerknittert. Aber egal, das Ganze hat ihm erstaunlich gutgetan. Er ist doch noch zu was gut. Langsam geht er zurück zur Bank. Daneben ist ein Papierkorb, da kann er die Zeitung loswerden und dann…

„Hey!“

Er erreicht den Papierkorb, wirft das zerknüllte Blatt hinein.

„Warum hast du das gemacht?“

Er dreht sich langsam um. Tatsächlich, Blauhaar steht vor ihm und sieht ihn an. Ihn, ganz direkt. Er bekommt schwache Knie und muss sich setzen. Sie lässt sich neben ihm auf die Bank fallen.

„Du kannst mich sehen?“

Sie zuckt mit den Achseln. „Klar.“

Er schluckt und versucht, sich nicht allzu sehr zu freuen.

„Ich habe nichts übrig für Männer, die Frauen schlagen“, erklärt er.

„Ich dagegen eindeutig zu viel“, sagt sie und seufzt. „Ach was solls. Pfeif auf die Kerle. Alles, was ich wirklich möchte, ist ein Freund.“

Ihm wird warm ums Herz.

„Das kann ich gut verstehen“, sagt er.

Sie lächelt. „Ich heiße Luise.“

„Mein Name ist Harvey.“

 

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Unser Thema im Juli lautet Freundschaft.

Bei Christian Raabe entsteht eine ganz besondere Freundschaft: Where no man has gone before

Maike Stein schreibt Briefe an die Zukunft: Bis wir uns wiedersehen.

Alexa Pukall schickt uns ins All: Lass uns zu den Sternen reisen

 

Was es mit unserer Story-Aktion auf sich hat, erfahrt ihr hier: #phantastischermontag

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