Urlaub mit Dämon

Urlaub mit Dämon

Am Strand, mitten auf dem hellen Sand, stehen Mülltonnen, alle 100 Meter. Aufgestellt als besonderer Service, in der Kurtaxe inbegriffen. Urlauber dürfen ihre mitgebrachten Dämonen hier entsorgen. Allerdings nur die kleine bis mittlere Größe. Die ganz Großen beulen die Tonnen zu sehr aus und können sie unter Umständen schmelzen oder platzen lassen. Manche Tonnen kichern, einige heulen leise. Vorsicht ist geboten beim Öffnen der Deckel, damit kein Dämon entfleucht. Man sollte schnell und entschlossen handeln.

Es spaziert sich besser am Strand ohne Dämon, manchen Urlaubern sieht man die Erleichterung an. Es soll aber auch schon vorgekommen sein, dass sich einer heimlich zurück schlich, um seinen Dämon wieder zu holen. Es kann ganz plötzlich sehr einsam werden ohne die nörgelnde, drohende, die nie zufriedene innere Stimme.

Es gibt große, kleine, dicke, dünne, alte und junge Dämonen. Und Dämoninnen. Schöne, hässliche, laute, leise. Sie hängen sehr an ihren Menschen, diese sind ihr ganzer Sinn und Daseinszweck. Ohne seinen Menschen zum täglichen Piesacken ist ein Dämon ziemlich aufgeschmissen.

Die meisten Dämonen sind Stadtdämonen. Du kriegst deinen ganz gut in die Mülltonne, wenn du das Überraschungsmoment ausnutzt. Sag: „Guck mal, das Meer! Der Himmel darüber und die Wolken, guck mal, wie weit das hier ist!“

Wenn er dann um die Ecke schmult, wenn er rauskommt, sich auf deine Schulter hockt und blöd glotzt, weil er so was noch gar nicht gesehen habt, dann kannst du ihn ganz leicht im Nacken packen und in die Tonne stopfen. Du solltest nur möglichst schon neben einer stehen. Denn mit einem Dämon in der Hand über den Strand zu spazieren, ist nicht einfach. Er wird sich wehren. Zu viel Weite, zu viel frische Luft. Am hartnäckigsten sind die Internet-Dämonen. Sie sehnen sich nach ihren kleinen elektronischen Kästchen und den ganzen bunten Bildern darin. Da drinnen möchten sie surfen, in der irrealen Welt vom schönen Schein, wo alles bunt ist und gut und jeder erfolgreich und attraktiv. Nicht hier draußen, wo der Wind frische Ideen in die verquasten Köpfe ihrer Menschen pustet.

Niemand weiß, was mit den Dämonen in den Mülltonnen geschieht. Die Stadtverwaltung lässt sie abholen, so viel steht fest. Ich glaube jedoch, sie kommen heimlich wieder frei. Jemand hat sich bestechen lassen. Oder ist es fehlgeleitetes Mitleid? Jedenfalls, wie sonst lässt es sich erklären, dass sie früher oder später immer wieder auftauchen? Spätestens, wenn ich wieder daheim bin. Sie brauchen ein oder zwei, manchmal auch drei oder vier Tage. Aber sie finden immer wieder zurück.

Ich werde mich bei der Kurverwaltung beschweren.

Für diesen schlechten Service habe ich mein Geld nicht ausgegeben.

 

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