Der Duende

Der Duende

Mein neuer Arbeitgeber hat wunderschöne Hände. Lange, schmale Finger, kräftig und geschmeidig. Tadellos sauber und manikürt. Deshalb zucke ich auch ein wenig zusammen, als er mit eleganter Geste über den marmornen Kaminsims fährt und mir die staubigen Fingerspitzen unter die Nase hält.

Sehen Sie sich das an, Consuela.“

Si, Señor Schneider.“

Schlampige Arbeit ist auch mir ein Graus. Kein Wunder, dass er meine Vorgängerin entlassen hat. Ich betrachte den großen, schwarzen Flügel, der das gesamte Wohnzimmer einnimmt.

Sie sind doch hoffentlich nicht allergisch? In zwei Monaten gehe ich auf Konzertreise: Gewandhaus Leipzig, Philharmonie Berlin, Mozarteum Salzburg. Dann müssen Sie sich auch um die Katzen kümmern.“

An der Wand steht ein großes, rotes Sofa, auf dem sich zwei zierliche Geschöpfe kunstvoll in den samtigen Kissen räkeln.

Siamkatzen. Red point. Anastasia of Ping Mai und Celina of Du Chen. Völlig unkompliziert. Einmal in der Woche mit einer Babybürste das Fell pflegen und ihre Hefetabletten nicht vergessen. Spielen Sie ihnen eine meiner CDs vor. Sie lieben Musik, vor allem Chick Corea. Mögen Sie Jazz, Consuela?“

Nein. Pianist sucht Haushälterin, hieß es in der Anzeige. Das hat mich an meine Großmutter erinnert. Sie war Flamencotänzerin, eine Schönheit zu ihrer Zeit, die mit ihrer Musik lebte und starb. Tanzen konnte ich noch nie, ich habe zwei linke Beine, aber diese traurige, sehnsuchtsvolle Musik habe ich von Anfang an geliebt. „Im Flamenco,“ das hat Großmutter gesagt, „ist Duende der magische Moment, wenn die Musik deine Seele berührt.“ Ich war noch klein, damals, und hatte bis dahin geglaubt, das ein Duende eine Art Kobold ist. Ein Wicht, der sich gerne in der Nähe von Menschen aufhält und ihnen Streiche spielt. Dass es in der Musik Kobolde gab, war mir neu. „Duende ist wie das Leben selbst: schmerzhaft und süß,“ sagte Großmutter immer.

Ob Jazz das auch ist? Señor Schneider rückt seinen Hocker zurecht, setzt sich an den Flügel und spielt. Es ist ein schrecklicher Krach, der meinem Kopf weh tut. Keine Spur von Magie. Ich widerstehe der Versuchung, mir die Ohren zuzuhalten. Das wäre unhöflich. Stattdessen betrachte ich meinen Arbeitgeber etwas genauer. Señor Schneider ist nicht mehr jung und kein schöner Mann. Klein, faltig, und von gedrungenem Körperbau. Er erinnert mich an die ewig schlecht gelaunte Bulldogge, mit der ich bei einer meiner alten Stellen so viele Probleme hatte.

Doch während Señor Schneider spielt, verändert sich sein Gesicht. Es verliert den mürrischen Ausdruck, die Falten um Mund und Nase glätten sich und seine Augen scheinen etwas zu sehen, das mir verborgen bleibt. Es muss etwas Schönes sein, denn er lächelt. Warum bringt ihn dieser Missklang zum Lächeln? Dann bemerke ich es: langsam, ganz langsam, schält sich eine Melodie aus dem Chaos heraus, hebt ihre traurige, wunderbare Stimme und triumphiert. Señor Schneiders schöne, schmale Finger streichen über die Tasten, tanzen, locken. Rhythmisch, mitreißend und doch traurig zugleich. Ich vergesse, dass ich 68 Jahre alt bin und jede Nacht von den Schmerzen geweckt werde, die meine arthritischen Gelenke mir bereiten. Ich vergesse, warum ich hier bin. Ich vergesse, zu atmen. Das Zimmer ist erfüllt von Klang, er durchdringt mich, fasst in mein Innerstes hinein und hebt mich empor. Das Paradies ist Musik. Ich tanze mit den Sternen, wippe auf dem Mond und rutsche den Regenbogen herunter.

Thunfisch, jeden Tag. Aber frischen, bitte.“

Die Musik ist abrupt verstummt, mein Regenbogen verblasst. Señor Schneider steht auf und setzt sich zu den Katzen auf das Sofa.

Kommen Sie, Consuela. Machen Sie sich bekannt miteinander.“

Ich lasse mich vorsichtig auf den tiefen, viel zu weichen Polstern nieder. Mein Rücken protestiert mit einem kurzen, stechenden Schmerz. Hoffentlich komme ich ohne Señor Schneiders Hilfe hier wieder hoch.

Anastasia, das ist die kleine Wilde hier mit der braunen Zeichnung. Und die Dame dort drüben, die so tut, als könne sie kein Wässerchen trüben, das ist Celina.“

Zwei Etagen, drei Schlafzimmer, zwei Bäder. Ein großes Wohnzimmer, spärlich möbliert mit teuren Antiquitäten. Silberne Kerzenleuchter. Gemälde. Das alles habe ich gesehen. Sogar das Bild im Schlafzimmer, hinter dem er vermutlich seinen Tresor versteckt hat. Was ich nicht gesehen habe: Kosmetika im Badezimmer. Parfum und Puder. Familienfotos auf dem Kaminsims. Vater, Mutter, Kinder. Keine Fotos. Keine Frau. Der Pianist wohnt ganz alleine in diesem mit Kostbarkeiten vollgestopften großen Haus. Er und seine Katzen.

Gefallen Ihnen ihre Zimmer?“

Ich nicke.

Die kleine Einliegewohnung geht hinten in den Garten hinaus. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Mehr, als ich bisher hatte. Ich wünschte, ich könnte hier bleiben.

Ich brauche nicht viel. Sie halten das Haus in Schuss, kochen mir eine leichte Mahlzeit am Abend. Sonntags haben Sie frei. Alles andere nach Absprache.“

Seine Finger tauchen in das cremefarbene Fell der Katze, die sich vor ihm auf den Kissen windet. Zum zweiten Mal an diesem Tag entspannt sich sein grimmiges Gesicht. Er streichelt seine Katze und sagt träumerisch:

Es ist alles eine Frage des richtigen Anschlags. Wenn Sie die Taste an der entsprechenden Stelle berühren, dann bringen Sie das Instrument zum Erblühen.“

Ich sehe zu, wie er fest und doch sanft seine Hand durch das seidige Fell gleiten lässt. Kreisend, lockend, massierend. Über den Rücken der Katze, hinab zur Schwanzspitze und dann zum Bauch. Die Katze schnurrt nicht. Sie singt.

Señor Schneider lächelt und sieht mich an. Seine Augen sind so blau wie die der Katze.

In diesem Moment passiert es. Ich kann ihn fühlen. Die Hand, die sanft meinen Nacken krault, über meinen Rücken hinunter gleitet, meinen Bauch berührt. Finger, die rhythmisch und beharrlich streicheln. Noch nie hat mich jemand so angefasst. Schon gar nicht ein Mann. Es ist schön. Mir wird ganz warm. Und dann explodiert etwas, tief in meinem Innersten. Ein heißer, köstlicher Schmerz, der sich schnell durch meinen ganzen Körper ausbreitet. So etwas habe ich noch nie, in meinem ganzen Leben nicht, gespürt.

Heute gehe ich aus, Consuela. Kein Abendessen. Die Katzen haben bereits ihr Futter bekommen. Richten Sie sich ein, und dann sehen wir morgen weiter.“

Señor Schneider verlässt den Raum, ohne sich umzudrehen.

Ich betrachte die Katzen auf dem Sofa. Glückliche Kreaturen, die mich aus schmalen Augenschlitzen abschätzig mustern.

Dumme alte Frau,“ scheinen sie zu denken. „Dumme alte HÄSSLICHE Frau. Du hast keine Chance. Er liebt UNS. Nicht dich. Niemals werden seine Finger über deinen Rücken streichen, deinen Bauch berühren, dich um den Verstand bringen so dass du singen möchtest vor Freude. NIEMALS.“

Anastasia beginnt, ihren Schwanz zu putzen. Celina macht einen Buckel, dreht sich auf ihrem Kissen um und rollt sich zu einer samtigen Fellkugel zusammen. Ich bin entlassen.

Mühsam hieve ich mich vom Sofa hoch und schlurfe langsam durch das Wohnzimmer, am Flügel vorbei und zur Tür hinaus. Wo Señor Schneider wohl seinen Tresor versteckt hat?

Es wird ein leichter Job, Mama, ganz bestimmt. Der letzte, ich verspreche es dir.“ Wenn mein einziger Sohn mich so ansieht, mit seinen braunen Hundeaugen, dann kann ich einfach nicht Nein sagen. Ich bin es ihm schuldig. Nach all den Jahren, die er mit seinem Vater aushalten musste. All die Jahre, in denen der kleine Junge zusah, wie ich verprügelt wurde. Bis er irgendwann alt genug war, um zurück zuschlagen. Ich war ihm keine gute Mutter. Ich war schwach. Schwach und ängstlich. Deshalb musste Ramon stark sein. Für uns beide. Mittlerweile ist er zu stark. Es tut ihm nicht gut, all das Geld, das er mit diesen Einbrüchen macht. Irgendwann wird er noch im Gefängnis landen. Aber solange muss ich ihm helfen. Unter einer Bedingung. Bei all seinen ‚Jobs‘ wie er es nennt, hat Ramon noch nie eine Waffe benutzt. Ich habe es ihm strengstens verboten. Wenn du mit so was ankommst, dann mache ich nicht mehr mit, habe ich ihm gesagt. Das hat er eingesehen. Er braucht mich. Ich schalte die Alarmanlage ab, ich sperre die Hunde ein. Ich bin drinnen und mache die Tür auf. Bisher ist immer alles gut gegangen. Mein Junge war vorsichtig, hat sich auf einen oder zwei ‚Jobs‘ im Jahr beschränkt. Und er hat gewartet, bis ich mich im Haus auskannte und ihm auch genau sagen konnte, wo der Tresor ist. Sie haben alle irgendwo einen Tresor. Schmuck, Wertpapiere, sogar Goldbarren. Aber seit dem er dieses Mädchen hat, ist Ramon gierig geworden. Gierig und ungeduldig. Er will immer mehr, damit er IHR schöne Sachen kaufen kann. Bisher hat mir das auch nicht viel ausgemacht. Die reichen Männer, für die ich normalerweise arbeite, haben genug Geld. Die meisten sind versichert. Aber diesmal ist es anders. Señor Schneider ist anders.

Der Tresor ist im Schlafzimmer. Sie verstecken ihn meistens hinter einem Bild. Auf dem Bild im Schlafzimmer sind ein Swimmingpool Pool und ein einsamer junger Mann zu sehen. Das Bild macht mich traurig. Der junge Mann sieht so hoffnungslos aus.

Da Señor Schneider mich heute nicht mehr braucht, gehe ich hinunter in meine Wohnung und probiere den Sessel aus, der direkt vor dem Fenster steht und sogar einen kleinen Schemel hat, auf den ich meine schmerzenden Füße legen kann. Der Sessel ist sehr bequem. Ich schaue auf den Garten hinaus und träume mit offenen Augen. Ich würde gerne hier bleiben. Nicht nur ein paar Wochen, oder auch Monate, solange bis Ramon kommt. Sondern für immer. Ich könnte dieser merkwürdigen, schrägen Musik zuhören und ihn beobachten, wie er die Katzen streichelt. Mit diesen sanften, sensiblen Fingern. Mir vorstellen, dass er mich berührt, an der richtigen Stelle. Das Instrument erblüht, die Musik … ein Missklang. Schrill und unerträglich. Ich erschrecke, öffne die Augen, weiß nicht, wo ich bin. Fühle weiche Polster unter mir. Alles ist dunkel. Ein Baby schreit. Es hat Schmerzen. Jemand flucht. Langsam kann ich Umrisse erkennen. Ein Fenster. Der Garten. Ich erinnere mich. Das Haus von Señor Schneider. Ich muss eingeschlafen sein in meinem Sessel. Warum kümmert sich niemand um das Baby? Dann fällt es mir wieder ein. Señor Schneider hat gar kein Baby. Was da so schreit, das ist eine Katze.

Puta de madre!“

Diese Stimme kenne ich. Sie kommt von oben, von Señor Schneiders Wohnung.

Ramon?“

Warum ist er hier, es ist doch viel zu früh? Habe ich die Tür aufgelassen und kann mich nicht mehr daran erinnern? Ich werde alt. Alt und vergesslich. Und während ich noch meine schmerzenden Knochen die Treppe hinauf zum Wohnzimmer schleppe, höre ich ein schreckliches Geräusch. Dieser Missklang, schon wieder. Derselbe, der mich geweckt hat. Kein Klang eigentlich. Ein Knall. Die Katze verstummt.

Mit klopfendem Herzen öffne ich die Wohnzimmertür.

Das Scheissvieh hat mich gebissen,“ sagt mein Junge vorwurfsvoll. Auf dem Sofa liegen Celina und Anastasia. Die eine hat keinen Kopf mehr und die andere sieht mich aus glasigen Augen an. Ihr fehlt der Hinterleib. Ich spüre Übelkeit in mir aufsteigen.

Du hast die Haustür nicht abgeschlossen, da habe ich gedacht, ich erledige es gleich heute noch. Wo ist der Tresor, Mama, oben?“

Ich starre auf das kleine, schwarz glänzende Ding in Ramons Hand. Schlucke trocken und versuche, meine Stimme wiederzufinden.

Keine Waffe, das war die Regel.“

Komm schon, Mama, sei nicht so altmodisch. Heutzutage braucht man so was. Siehst du doch!“

Er wedelt mit dem schwarzen Ding zum Sofa hin. Ich sehe blutverkrustetes Fell, eine Pfote, die komisch in die Höhe steht.

Nein. Schluss. Aus. Ich mache nicht mehr mit.“

Was? Mama, sei nicht albern.“

Ich drehe mich um und will gehen. Aber ich kann nicht mehr durch die Tür. Denn Señor Schneider steht da und sieht mich mit großen Augen an. Ich habe ihn nicht kommen gehört.

Was ist hier los? Consuela?“

Sein Blick wandert an mir vorbei, zum Sofa hin. Er wird blass, beginnt zu schwanken. Hält sich am Türrahmen fest.

Mierda,“ brüllt Ramon.

Nicht fluchen,“ sage ich automatisch. Aber ich drehe mich nicht um zu meinem Sohn. Ich sehe Señor Schneider an. Sehe, wie sich seine Augen mit Feuchtigkeit füllen. Dann, plötzlich, macht er einen Schritt nach vorne.

Was wollen Sie, Geld? Der Tresor ist oben. Nehmen Sie von mir aus, was Sie wollen. Aber Sie hätten den Katzen nichts antun dürfen. Das war falsch.“

Bleiben Sie stehen,“ sagt mein Junge nervös.

Aber Señor Schneider hört nicht auf ihn.

Warum die Katzen?“

In diesem Moment begreife ich, was geschehen wird. Es steht alles ganz klar vor meinen Augen. Und so mache ich den entscheidenden Schritt, gerade als Ramon den Finger um den Abzug krümmt. Der Missklang dröhnt in meinen Ohren, aber ansonsten spüre ich nichts. Gar nichts. Aber ich kann alles hören. Ramon, der laut ‚Mama‘ schreit. Die Stimme des Chauffeurs, der hereinkommt, meinen Jungen überwältigt und nach der Polizei ruft. Das letzte, was ich sehe, ist das traurige Bulldoggengesicht meines Arbeitgebers. Dann wird alles schwarz. Einige Zeit lang, einige Ewigkeiten lang, schwebe ich im Nichts. Ich bin ganz ruhig und sehr glücklich. Ramon ist kein Mörder. Und Señor Schneider wird weiterhin Musik machen.

Ganz genau,“ sagt ein feines Stimmchen. „Und das ist dein Verdienst.“

Aus der Dunkelheit ist ein kleines Männchen hervorgetreten. Klapperdürr, mit einer grünen Mütze auf den strähnigen Haaren und einem schiefen Grinsen im Gesicht. Ich habe noch nie zuvor einen Duende gesehen. Aber sie lieben Musik und ganz besonders lieben sie Musiker. Kein Wunder, dass in diesem Haus ein Duende wohnt. Señor Schneiders Musik ist magisch.

Du hast ihn gerettet, Consuela. Ich kann dir einen Wunsch erfüllen. Aber nur einen. Denk gut nach.“

Der Duende grinst schief.

Ich weiß sofort, was ich will und ich muss es gar nicht erst laut aussprechen. Die Dunkelheit verschwindet langsam. Ich öffne die Augen und sehe alles. Vor mir steht das Klavier, groß und hoch. Das Sofa ist neu und das Kissen, auf dem ich liege, auch. Señor Schneider kommt und sieht mich zärtlich an. Er fährt mit den Fingern in mein Fell, streichelt mich sanft. Ich schnurre. Jedenfalls macht meine Kehle die entsprechenden Bewegungen. Señor Schneider hebt mich hoch, trägt mich zum Piano hinüber, legt mich vorsichtig darauf ab. Setzt sich hin und fängt an zu spielen. Ich betrachte mein ausdrucksvolles Gesicht in der blank polierten Oberfläche. Strahlend weiß mit schrägen, blauen Augen. Die Töne dringen durch mich hindurch, in meinen Körper hinein. Ein Duende treibt gerne seine Spielchen mit den Menschen. Aber das ist mir egal. Ich kann Señor Schneider fühlen. Seine Hände auf mir, seine Finger auf den Tasten. Seine Musik, deren Rhythmus mich mit Wärme und Leben erfüllt. Aber hören werde ich sie nie wieder.

Ich bin taub.

 

 

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