Kaktusgespräch

Kaktusgespräch

Am Morgen ihres achtundzwanzigsten Geburtstages beschloss Wendy, nicht mehr allein leben zu wollen. Sie hatte es gründlich satt, morgens in einem leeren Bett aufzuwachen und noch viel mehr satt, abends alleine einzuschlafen.

„Ein Mann muss her“, verkündete Wendy dem kleinen Kaktus auf ihrem Fensterbrett.

Die Sonne schien und im Radio sangen die Beatles All you need is love.

Sollte sie es online versuchen?

„Alle elf Minuten verliebt sich angeblich ein Single im Internet“, stellte Wendy fest.

Der Kaktus schien skeptisch zu sein.

„Aber ich hab andererseits auch mal gelesen, dass die meisten Paare sich am Arbeitsplatz kennen lernen.“

Jetzt sah der Kaktus definitiv skeptisch aus.

„Ja, ich weiß“, seufzte Wendy. „Männer besuchen normalerweise keine kleinen Wollläden. Jedenfalls meinen nicht.“

Im Radio lief jetzt der alte Disco Hit Saturday Night Fever. Die Stacheln des Kaktus‘ schienen freudig zu zittern.

„Und Tanzen gehen“, stellte Wendy bedauernd fest, „war noch nie mein Ding.“

Der Kaktus wirkte ratlos, aber Wendy hatte eine Idee. Sie dekorierte einen Schokoladenkeks mit einem Teelicht und zündete es an. Dann summte sie leise „Happy Birthday to me“ und schloss die Augen.

„Ich wünsche mir einen ruhigen, zuverlässigen Partner mit Humor und schwarzen Haaren, der gerne kuschelt. Einen, der mich genauso sehr braucht, wie ich ihn, und wenn er auch noch Paul heißen würde, das wäre wunderbar.“

Sie wünschte so fest, dass sie dabei ihre Zähne knirschen und ihr Herz klopfen hörte. Dann blies sie das Teelicht aus und öffnete die Augen wieder. Der Kaktus blickte sie zweifelnd an. Es roch nach Kerzenwachs. Wendy aß den pappigen Schokoladenkeks und dann ging sie ihren Laden öffnen.

Sie verkaufte an diesem Tag fünf Knäuel burgunderfarbene Merinowolle und drei Meter Spitzenborte. Sie beriet ein junges Mädchen, das schwarze Stulpen mit Totenkopfmuster stricken wollte. Sie trank zwei Kannen Tee, holte sich Falafel aus dem kleinen Laden nebenan und sah immer wieder durch das Schaufenster auf die Straße hinaus. Jede Menge Männer, große, kleine, dicke, dünne. Alle liefen vorbei. Nicht einer sah zu ihr rüber, oder kam gar herein. Wendy betrachtete ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe: relativ schlank, relativ hübsch und sogar blond. Woran lag es nur? Vielleicht sollte sie nicht so oft mit ihrem Kaktus reden. Aber wenn sie einen Partner hätte, dann bräuchte sie das ja auch nicht mehr.

Kurz nach sechs gab Wendy auf. Sie holte gerade den Korb mit den Restposten herein, als unvermittelt etwas dickes, schwarzes zwischen ihren Beinen hindurch huschte. Beinahe wäre sie gestolpert. Als Wendy zurück in den Laden kam, thronte er bereits auf dem Stuhl hinter der Kasse, als würde er dorthin gehören: ein prachtvoller, schwarzer Kater.

„Was willst du denn hier?“

Er bedachte sie mit einem nachsichtigen Blick aus grünen Augen. Kein Halsband. Wendy streckte ihre Hand aus. Er schmiegte seinen Kopf hinein. Wie warm und weich er war, wie liebesbedürftig. Ein Hauch von Kerzenwachs lag in der Luft.

„Paul?“

Der Kater begann, hingebungsvoll zu schnurren. Vielleicht hätte Wendy ihren Wunsch etwas genauer formulieren sollen: weniger haarig und vor allem zweibeinig.

Aber immerhin, besser als nichts.

 

 


Diese Kurzgeschichte habe ich am 4.4.2019 bei der Schreibwerkschau in der Humboldt-Bibliothek vorgelesen.

Sie ist eine Vorgeschichte zu meinem aktuellen Romanprojekt Wendy Wunderbar.

Wer mehr dazu erfahren möchte, ist hiermit herzlich eingeladen, meinen Newsletter zu abonnieren.

 

 

Leave comment

Your email address will not be published. Required fields are marked with *.