Frisch Gebacken

Frisch Gebacken

Susanne führt Cäsar aus, einen alternden Schäferhund, launisch wie eine Stummfilmdiva und leicht inkontinent. Er gehört Bruno, Susannes Ehemann, der unbedingt einen Hund haben, sich aber nicht ständig um ihn kümmern wollte.

„Du hast doch sowieso keine Kinder und bist den ganzen Tag zu Hause“, waren Brunos Argumente gewesen.

Dass er stets strikt gegen eine Erwerbstätigkeit ihrerseits, gleich welcher Art, gewesen ist, vergaß er passenderweise zu erwähnen. Und das das mit den Kindern nicht an ihr lag, darüber sprachen sie sowieso nicht.

Beim Antiquariat um die Ecke steht eine Bücherschütte vor der Tür. Während Cäsar lange und ausgiebig an einen auf dem Radweg geparkten BMW pinkelt, blättert Susanne durch die Titel.

In einem alten Kochbuch, zwischen Käseigel und Toast Hawaii, findet sie einen handgeschriebenen Zettel. Es ist, so die Überschrift, ein Backrezept für einen Gott. Soll das heißen, es ist ein Kuchen, würdig für einen Gott? Nun ja, in den siebzigern hatten die Männer noch eine ganz andere Stellung im Haushalt als heutzutage. Göttergatten, sozusagen. Obwohl, denkt Susanne, soooo viel hat sich dann auch nicht geändert.

Ein paar Seiten weiter steht, wie man Fliegenpilze fürs Partybuffet macht. Hartgekochte Eier mit einem Hütchen aus einer halbierten Tomate bedecken und das Hütchen mit Majoklecksen sprenkeln.

Susanne kauft das Kochbuch. Sie hat schon eine ganze Sammlung und Bruno, der sich sonst grundsätzlich über alle ihre Ausgaben beschwert, hält diesbezüglich seine Klappe. Er isst nämlich gerne, was sie kocht.

Susanne und Cäsar drehen ihre übliche Runde. Daheim wirft Cäsar sich in sein Hundebettchen und schnauft theatralisch.

Susanne geht in die Küche. Das Backrezept erfordert eine Kastenform.

Vielleicht bedeutet es ja auch, dass man sich einen Gott selber backen kann. Einen kastenförmigen Kuchengott? Susanne muss lächeln.

Damals, als sie in ihren zwanzigern waren, hatte sie mit ihrer besten Freundin Katrin mal Männer gebacken: Pfefferkuchenmänner. Katrin hatte sie an der entscheidenden Stelle mit jeweils zwei Rosinen und einer dicken, langen Zimtstange ausgestattet. „Magie!“, hatte sie verkündet und „Simsalabim!“gesagt. Gott, was hatten sie beide gekichert. Beim Backen und beim Essen.

„Jetzt“, hatte Katrin behauptet, „werden alle Typen uns unwiderstehlich finden und uns Tag und Nacht nachlaufen. Wirst schon sehen!“

Katrin war schon immer die hübschere von ihnen gewesen. Sie hatte keine Probleme damit, einen Mann zu finden. Nur damit, bei ihm zu bleiben. Katrin hatte einfach keine Lust gehabt, sich zu binden. Am Ende waren ihr nachts einer nachgelaufen und hatte sie umgebracht. Eifersucht, hieß es.

Susanne hatte ja schon immer gefunden, dass die meisten Männer sich schlecht beherrschen können. Und Absagen vertrugen sie schon gar nicht.

Susanne war tagsüber einer nachgelaufen, den hatte sie dann geheiratet. Eigentlich nur, weil es besser war, jemanden zu haben, der einen besaß und sein Eigentum vor den anderen beschützte. Und weil er so hartnäckig gewesen war. Damals hatte sie das beeindruckt. Mittlerweile hat sie begriffen, dass Bruno einfach nur ein echter Sturkopf ist.

Das Rezept scheint ziemlich einfach zu sein, sofern Susanne es richtig entziffern kann. Mehl, Eier, Butter, Zimt und Zucker. Ein paar eher ungewöhnliche Gewürze (Kardamom und Kurkuma, Pfeffer und Paprika), bittere Schokolade, ein Glas Whisky, drei Tropfen Blut.

Susanne glaubt nicht an den einen Gott. Ein alter Mann mit Rauschebart da oben im Himmel, der angeblich allmächtig und allwissend ist, und trotzdem Chaos, Krieg und massive Ungerechtigkeiten auf seiner Erde zulässt, ja einfach nur zuguckt dabei? Wenn es ihn wirklich gäbe, müsste er schon ein echter Psychopath sein. Susanne will nichts mit ihm zu tun haben, schönen Dank auch.

Wenn sie sich schon einen bäckt, dann einen für sie persönlich, einen, der für sie da ist. Vielleicht den Gott der kinderlosen Hausfrauen, die langsam älter werden und nicht wissen, wozu sie eigentlich gut sind?

Susanne mag keinen Whisky. Sie nimmt stattdessen Kirschlikör. Und in einer Mischung aus Verwegenheit und Trotz (und weil die Gelegenheit gerade günstig ist) drei Tropfen Menstruationsblut.

Cäsar jault, Susanne füttert ihn. Bruno kommt bald nach Hause, dann will auch er gefüttert werden. Jaulen kann Cäsar allerdings besser.

Aus dem Backofen heraus verbreitet sich verlockender Kuchenduft in der ganzen Wohnung. Susanne wird ganz wohlig-warm ums Herz. Kuchen ist ihr liebstes. Sie würde aus dem Leim gehen, hatte Bruno sich neulich noch beschwert. Glatzköpfig, bierbäuchig, zufrieden nach einem ausgiebigen Mittagessen.

Susanne bereitet das Abendessen vor und deckt den Tisch. Zwischendurch schielt sie immer mal wieder zum Backofen hin. Im Radio singen die Beatles fröhlich I’d rather see you dead, little girl, than to be with another man. Susanne nimmt das Steak für Bruno aus dem Kühlschrank. Der Küchenwecker schrillt.

Das Backwerk ist wunderbar aufgegangen und sieht verlockend aus. Ein ganz normaler Kastenkuchen eben. Susanne lässt ihn auf dem Kuchengitter zum Abkühlen stehen und versucht, ihre leise Enttäuschung herunterzuschlucken. Wie sie schon so vieles anderes in ihrem Leben heruntergeschluckt hat.

Wirklich, was hat sie sich denn vorgestellt? Man kann sich keinen Gott backen.

So ein Blödsinn.

Susanne gibt sich einen Ruck. Bald kommt Bruno nach Hause, dann muss das Essen auf dem Tisch stehen.

„Kirschlikör?“, sagte eine Stimme aus dem Wohnzimmer. „Echt jetzt? Hattest du nichts anderes?“

Susanne lugt vorsichtig um die Ecke.

Da lümmelt eine junge Frau auf der neuen Couchgarnitur (Sonderangebot im größten Möbelhaus der Stadt). Fast alles an ihr ist schwarz. Die Spitzenhandschuhe, die Lederkorsage, der Minirock, und die Stiefel am Ende ihrer langen, netzbestrumpfhosten Beine, die auf dem Couchtisch liegen. Nur ihr Haar, kurz und lockig, ist blau. Meeresblau.

„Wer … was …?“, stottert Susanne.

„Coole Idee mit dem Blut. Aber n’ Pfeffi wär mir lieber gewesen als Kirschlikör.“

Das Gesicht unter den blauen Locken kommt Susanne bekannt vor. Die großen braunen Augen, die vollen Lippen. Aber das ist doch nicht … das kann doch gar nicht … Einen Minirock hatte sie damals schon getragen. Nur nicht in Schwarz.

„Katrin?“

„Weißt du noch? Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad.“

Susanne nickt. „Und was wäre die Welt ohne Männer?“

Im Chor geben beide die Antwort: „Voller glücklicher, dicker Frauen.“

Sie lachen. Slogans aus ihrer Jugend.

„Aber du …“

Die junge Frau wird ernst. „Ich bin, was du brauchst. Ich bin deine Erkenntnis, deine Entscheidung. Wenn du dich ein Leben lang vor Angst, so zu enden wie sie, selbst einsperrst, was hast du dann davon gehabt?“

Im Flur öffnet sich die Wohnungstür. „Ich bin wieder da. Stell schon mal das Bier raus, Schatz“, ruft Bruno.

„Wir nehmen den Kuchen mit“, sagt die junge Frau.

„Hast du Besuch?“, tönt es missmutig vom Flur.

Bruno kann sie hören. Susanne hat also keine Halluzinationen. Sie sieht sich im Wohnzimmer um, denkt an den Rest der Wohnung. Alles eingerichtet nach seinen Wünschen, nach seinem Geschmack. Susanne schluckt. Ihre Wangen sind feucht.

„Jetzt oder nie“, sagt die Göttin.

Als Bruno das Wohnzimmer betritt, ist niemand mehr da. Er schnuppert. Es riecht nach Kuchen. Bruno mag keinen Kuchen. Auf dem Couchtisch steht eine Flasche Kirschlikör.

In der Küche verschlingt Cäsar glücklich das Steak.

 

 

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