Einfach Märchenhaft

Einfach Märchenhaft

Rotkäppchen war auf Rente. Man hatte einen Sekt nach ihr benannt. Whisky wäre ihr lieber gewesen, aber egal. Sie hatte sowieso nicht mehr viel zu tun, heutzutage. Aber jeden Freitag traf sie sich mit den anderen Mädels in Frau Holles Bilderbuch-Café. So wie heute.

„Du musst mal wieder raus“, sagte Rapunzel. „Jemand Likörchen, vielleicht nen Pfeffi?“

„Sie meint, Männer“, kicherte Aschenputtel. „Ja, bitte.“

„Kein Bedarf“, antwortete Rotkäppchen.

„Kein Likörchen?“, wunderte sich Rapunzel.

„Keine Männer“, stellte Rotkäppchen klar.

Sie war lange genug mit dem Jäger verheiratet gewesen. Großmutter hatte sie gewarnt, aber Rotkäppchen hatte sich blenden lassen von dem vor Gesundheit und Eitelkeit nur so strotzenden jungen Mann, der selbstbewusst seine Flinte schwenkte.

„Muss ja nicht wieder ein Jäger sein“, meinte Rapunzel.

Ausgerechnet Rapunzel, die es sattgehabt hatte, dass ihr Gemahl immer an ihren Haaren zog, wenn ihm was nicht passte. Der immer ein Haar in der Suppe fand. Schließlich verschluckte er eines, das sich um seine Gedärme wickelte, woran er starb. Seit seinem Tod war Rapunzel sichtlich aufgeblüht. Sie trug nun einen flotten Pagenkopf und war Besitzerin eines florierenden Coiffeur-Salons.

„Manchmal denke ich daran, meine Memoiren zu schreiben“, sagte Rotkäppchen.

„Na dann prost“, meinte Aschenputtel.

Sie stießen mit ihren Pfefferminzlikörgläsern an. Die grüne Flüssigkeit leuchtete geheimnisvoll. Ein Hauch von wilder Wald umschmeichelte lockend Rotkäppchens Nase.

„Ich könnte allen erzählen, wie es wirklich gewesen war mit dem Wolf. Und das der Jäger ein Säufer war, der mich regelmäßig durchgeprügelt hat. Dass er mich gezwungen hat, auf dem Fußboden vor dem Bett zu schlafen, auf dem Wolfsfell.“

Der Pfefferminzlikör schmeckte frisch, süß und ein wenig bitter zugleich.

„Me too“, seufzte Aschenputtel.

„Tja, wer sich den Schuh anzieht …“, kommentierte Rapunzel lakonisch.

„Nichts gegen Schuhe!“, protestierte Aschenputtel.

Sie war eine Influencerin geworden. Ihr Schuh-Account auf Instagram hatte mehrere tausend Follower und sie wurde überschüttet mit Werbeverträgen.

„Ich wollte Sicherheit“, sagte Rotkäppchen. „Ein braves Mädchen sein, auf Mama und Papa hören. Nicht vom Weg abkommen. Immer schön artig sein.“

So war sie nun mal erzogen worden. Doch der Jäger hatte dauernd totes, blutiges Getier herangeschleppt. Rotkäppchen wollte ihm eine gute Ehefrau sein, aber das hielt sie nicht aus. Sie wurde Vegetarierin. Er trank noch mehr als sonst. Ehe es zur Scheidung kam, erschoss ihn einer seiner Jagdkumpels versehentlich draußen im Wald.

„Du brauchst einen Wolf“, sagte Rapunzel.

Aber Wölfe werden ebenfalls geschossen, und zwar gezielt. Wölfe sind eine Gefahr für die Schafe. Arme Schafe. Arme Herde blökender Wollköpfe. Rotkäppchens Wohnungs-Nachbarin sprach gerade neulich wieder abfällig von Schlafschafen. Rotkäppchen würde sie gerne an einen Wolf verfüttern, aber der bekäme sicher Magenschmerzen von diesem dummen Ding.

Großmutter hatte sich damals schon einen Scheißdreck um die Meinung anderer geschert. Hatte ganz allein im Wald gelebt. Hatte keine Angst gehabt, auch allein zu sterben. Fürchtete sich nur davor, in der Stadt zu leben. Eingesperrt zu sein in den Vorstellungen anderer Menschen. Deren Leben zu leben, sich anzupassen, um dazuzugehören.

„Mir folgt ein ganz süßer Typ auf Instagram“, sagte Aschenputtel. „Ein amerikanischer General, der eine kleine Tochter hat und einen Hund!“

„Das sind Fake-Accounts, Schatz“, sagte Rapunzel. „Die wollen nur dein Geld.“

Der Wolf war wild gewesen, voller Zotteln, Flöhe und heißem Atem. Der Wolf hatte nach Wald gerochen, nach feuchter Erde und Freiheit. Nach Rennen unter dem Mond, gemeinschaftlichem Geheul, Freiheit und ungezähmter Leidenschaft. Sie hatte erst neulich wieder von seiner Wildheit geträumt. Davon, dass er sie mit rauer Zunge leckte. Davon, dass er gar nicht genug von ihr bekam, dass er sie zum Fressen gern hatte.

„Aber er ist so süß“, schmollte Aschenputtel.

Manche lernen es nie. Rotkäppchen zog sich die Lippen nach. Sie musste langsam und genau malen, ansonsten verlief die Farbe in den feinen Falten ringsum. Ein Kussmund, blutrot, auf einem schneeweißen Taschentuch. Rotkäppchen hatte zwar graue Haare, aber sie trug immer noch gerne rot, vor allem im Gesicht.

„Coole Farbe“, sagte Aschenputtel.

„Nennt sich Bloody Hell Nummer 666“, sagte Rotkäppchen.

Rapunzel kicherte.

Rotkäppchens Wohnungs-Nachbarin hatte vorhin noch den Kopf geschüttelt. Sie sollte sich gefälligst ihrem Alter entsprechend kleiden, wie sähe das denn aus. Und dieser lange graue Zopf. Also wirklich.

„Ich nehme noch ein Stückchen Torte.“

Der Nachmittag verlief mit leichten Plaudereien und schwerer Schwarzwälder-Kirsch-Torte. So konnte, so würde es weitergehen. Bis sie alle drei mit Gehhilfen herumtattern würden. Bis eine nach der anderen endgültig verwitterte und starb.

Könnte schlimmer sein. Könnte besser sein?

Leicht beschwipst stand Rotkäppchen später an der Bushaltestelle. Viele Linien kreuzten sich hier. Eine, die vor ihrer Haustür hielt. Und eine, die bis ins Umland hinaus fuhr.

Erst heute Morgen hatte Rotkäppchen in den Spiegel geguckt und ihre Falten betrachtet. Hatte sanft das Hängefleisch angehoben, ihre früher so straffen, rosigen Wangen. Alles tropfte nach unten, als wäre ihr Gesicht aus Wachs gemacht. Alles entglitt ihr. Was für ein Albtraum.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Dümmste im ganzen Land?

Rotkäppchen, das seid ihr, weil ihr damals nicht mit dem Wolf in den Wald geflohen seid. Ihr habt euch fressen lassen, und jede Sekunde davon genossen. Aber das war dann doch zu viel, stimmt’s? Habt ihr nicht ausgehalten. Wolltet zurück in die Zivilisation, zurück in den banalen, grauen aber angeblich ach so sicheren Alltag.

Scheiß Spiegel.

Rotkäppchen nahm den falschen Bus, der vielleicht der richtige war. Wusste man es? Nein. Nicht, bevor man es ausprobiert hatte. Also wozu warten, und worauf? Rotkäppchen war das Warten leid. Sie hatte nicht mehr viel Zeit. Auch Wölfe wurden alt. Zahnausfall, Haarausfall, rheumatische Gelenke. Das Beste am Alter: man lernte ein  oder zwei Dinge. Zum Beispiel, dass man selber endlich auch mal wild sein konnte. Wann, wenn nicht jetzt?

Und in der Zeitung würde dann stehen, es gibt wieder Wölfe in Brandenburg.

 

 

 

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