Die Mondscheinprinzessin

Die Mondscheinprinzessin

Es war einmal eine Mondscheinprinzessin. Sie hatte vergessen, wer sie war, dass sie von den Sternen kam, und warum sie hier auf der Erde gelandet war.

Die Mondscheinprinzessin verkaufte Kosmetik im größten und luxuriösesten Warenhaus der Stadt. Sie war jung und schön, ihre Haut schimmerte, ihre Wangen leuchteten, ihre langen Haare glänzten.

Die vornehmen, gutbetuchten Damen kamen aus der ganzen Stadt, um bei ihr duftendes Cremes, kühlende Lotionen und exklusive Öle zu erstehen. Immer in der Hoffnung, etwas aus dem großen und teuren Sortiment möge ihnen zu einem ähnlichen Aussehen verhelfen. Sie rümpften die operierten Nasen, runzelten die gezupften Brauen und verlangten rote Lippenstifte, die nicht in ihre feinen Fältchen um ihre schmalen Lippen liefen.

Die Mondscheinprinzessin bediente, lächelte, nickte. Doch insgeheim sehnte sie sich. Wonach, das wusste sie nicht so genau. Aber sie sehnte sich sehr und hörte in ihrer Freizeit gerne Punkmusik, möglichst laut.

Aber das konnte doch noch nicht alles sein?

Immer, wenn Vollmond war, fuhr sie aus der Stadt hinaus aufs Land. Da gab es eine Stelle mitten im Wald, eine Lichtung, einen kleinen See.

Hier konnte sie endlich ihre künstliche Hülle abstreifen. Ihre Tageshülle, ihre Funktionshülle. Sie ist eine andere in der Nacht, im Mondlicht.

Tagsüber helle, grelle Stimmen überall, kantige Häuser, spitzwinkliges Denken.

Nachts duften die Nachtblumen, alles ist weich, alles fließt. Schwarz, weiß, mondlichtfarben. Konturen verschwimmen, die Welt ist eine andere. Eine Nachtwelt, in der gewispert und geraunt wird, in der Nachtvögel singen und der Wind durch die Blätter raschelt wie ein Liebhaber durch Liebesbriefe.

Sie taucht in die warme, dunkle Nacht wie in einen Sommersee. Mit einem leisen, glücklichen Laut des Wohlbehagens streift sie den Tag ab, eine lästige Haut, die sie einengt, in Form zwingt. Nachts ist alles möglich. Der Mond verzaubert ihre nackte Haut, ihre Mondlichthaut, und sie tanzt, nur für ihn allein, auf der Wiese, in der Lichtung im Wald. Nur hier, nur jetzt, ist sie beinahe sie selbst. Beinahe.

Bis, eines Nachts, ein schlafloser Dichter sie erspäht. Er sieht die Mondscheinprinzessin tanzen und er verfällt ihr augenblicklich. Er möchte ihr ein Schloss im Mond bauen. Aber vor allem möchte er sie haben und behalten. So etwas Schönes, Vollkommenes hat er noch nie gesehen. Sie ist so frei, so selbstvergessen, so kostbar. Er will sie ganz für sich allein. Der Dichter beschließt, ihr einen Ring an den Finger zu stecken. Einen, der sie beschwert, der sie an ihn bindet. Ein Ring aus goldenem Sonnenfeuer zum Zeichen dafür, dass sie von nun an ihm gehört.

Er verschuldet sich bis über beide Ohren auf und kauft den Ring beim angesehensten Juwelier der Stadt. Doch es dauert einige Vollmonde, bis er sich endlich traut. Vollmondnächte, in denen er sie heimlich beim Tanzen beobachtet, und in denen sein Verlangen nach ihr bis zum Mond und wieder zurück wächst.

Und dann fällt ihm nichts Besseres ein, als ihre Kleidung zu verstecken. Fing man denn so nicht die Selkies ein, die Meerestöchter hoch im Norden, die ihr Seehundsfell abstreiften, um sich am Strand zu aalen? Ach, des Dichters Mutter hatte ihm viele Märchen vorgelesen, als er Kind war. Doch er hatte nicht richtig zugehört.

Bekleidet mit Mondlicht steht sie vor ihm.

„Bella Luna“, flüstert der Dichter.

„Hey, mir ist kalt. Wo sind meine Klamotten?“

Der Dichter kniet nieder. So viel Schönheit. Es ist einfach überwältigend. Er offeriert ihr den Ring. Bleich schimmert das Gold im Mondlicht.

„Was soll ich denn damit?“

Sie schlingt die blassen Arme um sich, ein Wassertropfen zittert an ihrem zierlichen Näschen.

„Sei mein, Bella Luna, so wie ich schon lange dein bin. Ich baue dir ein Schloss im Mond. Ich mache dich unsterblich mit meinen Versen.“

„Bist du Musiker, schreibst du Songs?“

Sie denkt an Punk. Daran, einfach laut herauszubellen wie unzufrieden man ist und dass das Establishment eine große Scheiße ist und das ganze Leben eine Falle. Ihre Augen leuchten.

„Ich bin Dichter.“

Das Leuchten in ihren Augen wird schwächer. „Ach so. Moment mal. Hast du nicht gerade gesagt, du wärst schon lange mein?“

Er nickt eifrig.

„Wie lange? Hast du mich hier etwa heimlich beobachtet?“

„Ich … äh …“

„Boah, wie ekelig. Du bist ja ein Stalker!“

Ein zarter weißer Fuß erhebt sich. Die Mondprinzessin tritt dem Dichter schwungvoll gegen die Brust, er kippt überrascht zur Seite. Der Ring rollt ins Gras. Die Mondprinzessin stapft an ihm vorbei und beginnt, die Büsche zu durchstöbern.

„Aber, Bella Luna …“

Der Dichter rappelt sich auf und sucht seinen Ring. Die Mondscheinprinzessin findet ihre Lederjacke. Etwas weiter hinten hängen Jeans und T-Shirt in einem Baum. Sie zieht sich an. Der Dichter sieht ein kleines Sonnenfeuer im Gras leuchten. Er bückt sich und hebt seinen Ring auf. Als er sich wieder aufrichtet, steht die Mondscheinprinzessin vor ihm.

„Glaubst du, du bist die Lösung aller Probleme?“

Sie weist mit einem anklagenden Zeigefinger auf ihn.

„Äh … wie bitte?“

„Glaubst du, der Sinn meines Lebens wäre eine Heirat, eine Ehe?“

Der kleine weiße Finger stupst, etwas weniger heftig als zuvor, seine Brust an. Diesmal fällt er nicht wieder um.

„Nein, natürlich nicht.“ Aber, denkt er, vielleicht doch ein wenig. Und das gilt auch für ihn selber.„Wir sind keine einsamen Wölfe. Wir sind Herdentiere. Der Mensch braucht andere Menschen um sich, neben sich. Und vielleicht auch den einen, besonderen Menschen.“

„Pah“, macht die Mondscheinprinzessin.

Beide betrachten den matt schimmernden Goldring auf seiner Handfläche.

„Das mit dem Stalking tut mir leid. Ich hab mich einfach nicht getraut, dich anzusprechen. Ich wollte erst etwas vorzeigen können, etwas Schönes, mit dem ich dir imponieren kann.“ Sag es, denkt der Dichter. Sag es laut. „Ja, ich wollte dich haben.“ Er spürt, wie sich seine Wangen erhitzen. Ob sie im Mondlicht sehen kann, dass er rot geworden ist? Verlegen senkt er den Kopf.

„Pah“, macht die Mondscheinprinzessin erneut.

Dieses halbgare Kerlchen mit den schmalen Hüften will sie haben, dabei hat sie sich selber ja noch nicht mal. Oben am Himmel glotzt der Mond. Er ist schon wieder am Untergehen. Was bringt das ganze Sehnen, wenn er da oben ist und sie hier unten? Wohin mit sich, wohin mit diesem Leben? Nur immer im Mondschein tanzen kanns ja nun auch nicht sein. Es war ein langer Tag, eine lange Nacht und der Morgen naht.

„Bella Luna …“

„Ich heiße Paula. Den Ring kannste wieder wegstecken, den will ich nicht.“

Er tut es hastig.

„Und du?“, will sie wissen.

„Ich?“

„Wie heißt du?“

„Ach so. Felix.“

„Hör zu, Felix, das mit dem Haben-wollen, das streich mal fix aus deiner Liste. Und das Stalken sowieso.“

Er nickt.

„Aber nützlich machen kannste dich. Wie wärs mit Frühstück? Ich kenn da ein nettes kleines Café.“

Darauf hatte er gar nicht mehr zu hoffen gewagt.

„Ja, gerne.“

Sie gingen einen Kaffee trinken.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

 

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Vier Autor*innen, ein Thema, vier Kurzgeschichten. Jeden Montag eine, reihum auf unseren Blogs kostenlos zu lesen, damit eure Woche einen wahrhaft phantastischen Start hat: Das ist #phantastischermontag.

In 2021 lassen wir uns von unseren Lieblingssongs zu Geschichten inspirieren.

Im Juni ist es Bella Luna von Jason Mraz. Die drei anderen Storys werde ich hier nach und nach verlinken:

Bei C.A.Raaven geht es um Bestimmung.

 

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