Zartbitter&Zimt

Zartbitter&Zimt

Jeden Morgen auf dem Weg zum Büro komme ich an demselben leeren Laden vorbei. Es ist nichts Besonderes daran, einer von vielen leeren Läden in der Innenstadt. Opfer von hohen Mieten und Menschen, die lieber im Internet shoppen, weil es bequemer und billiger scheint. Es ist auch nichts Besonderes an dieser stillen kleinen Seitenstraße, deren tapfer grünenden Bäume von lackglänzenden Autos umstellt sind, und dennoch …

Die Fensterscheiben blinzeln leer und staubbedeckt hinaus, die dunkelrote Ladentür hängt leicht schief wie ein traurig verzogener Mund, dahinter herrscht eine dämmerige, melancholische Leere. Ich sehe mich selbst vorbeistaksen, ein mageres Gespenst im grauen Businesskostüm mit viel zu hohen Absätzen (zieh dich nicht für den Job an, den du hast, sondern für den, den du haben willst).

Im Büro ist schon wieder die Kaffeemaschine kaputt.

Meine Kollegin glaubt an Tarotkarten und manifestiert sich jeden Tag ihren Parkplatz selbst. Das heißt, sie denkt einfach ganz fest daran, und glaubt, dass es klappt. Erstaunlicherweise tut es das dann auch. Nur Kaffee kann sie nicht manifestieren.

„Was uns fehlt, ist ein Laden in der Nähe“, seufzt sie und telefoniert mit dem Reparaturservice.

Am späten Nachmittag, auf dem Weg nach Hause, spähe ich durch die verschmierten Fenster ins Ladeninnere. Sehe einen Holzfußboden, ein paar alte, schiefe Sesselchen und eine abblätternde viktorianische Blümchentapete. Eine tiefe Sehnsucht weht mich an, etwas seufzt leise, aber schier herzzerbrechend.

Ich lege eine Kaffeebohne unseres Bürokaffees (Arabica) auf die schmutzige Türschwelle. Keine Ahnung, warum. Es scheint einfach eine gute Idee zu sein. Am nächsten Morgen bringe ich zwei von meinen eigenen Bohnen (Schokolade&Zimt) mit. Die Bohne von gestern ist verschwunden.

Ich frage mich, welche Farbe die Sesselchen haben, das ist im Dämmerlicht schwer zu erkennen. Samtig dunkelrot, passend zu der viktorianischen Tapete? Natürlich müsste es mehr Sesselchen geben, dazu ein paar Bistrotische und -Stühle. Dann auf jedem Tisch eine Kerze und hinten, auf der Theke, eine große, blank gewienerte Kaffeemaschine, gleich neben dem Kuchentresen.

„Sie träumen zu viel, Schmitdchen“, sagt mein Chef am Nachmittag. „Was ist los, sind Sie verliebt?“

Meine Kolleginnen lachen, ich stimme halbherzig ein. Am Abend bringe ich dem Laden zwei Kaffeebohnen (Traube&Zartbitter) und einen Mürbekeks mit Honig vorbei. Wahrscheinlich füttere ich nur die örtlichen Mäuse. Aber die Tür scheint weniger schief auszusehen und im Innern beginnt der Holzfußboden an einigen Stellen honigfarben zu glänzen.

Die Kaffeemaschine auf der Arbeit läuft wieder, aber das Gebräu schmeckt angebrannt.

Ich habe meine hochhackigen Schuhe gegen ein paar schicke, bequeme Pumps ausgetauscht, mit denen es sich viel besser läuft. Mein graues Businesskostüm schmückt jetzt ein dunkelrotes Seidentuch.

„Sie ist doch verliebt“, tuscheln die Kolleginnen.

Ich stelle eine kleine Kerze auf die Türschwelle, daneben lege ich Reste eines dunkelroten Samtstoffes. Ein leichter Wind streichelt meine erhitzen Wangen und bringt einen Duft nach frisch gemahlenem Kaffee mit. Vom Ladeninneren her höre ich ein leises, fröhliches Geräusch, als wäre jemand emsig bei der Arbeit und pfiff sich dabei eins.

Am nächsten Tag ist die Kaffeemaschine im Büro schon wieder kaputt.

„Wäre es nicht schön“, sage ich in der Kaffeeküche zu den Kolleginnen, „wenn wir einen Laden gleich um die Ecke hätten?“

Alle nicken eifrig:„Oh ja, ein gemütliches kleines Café mit leckerem Karamell Latte.“ „Und einem Kuchentresen. Ich liebe Schokoladenbrownies.“

„Stellt euch das mal so richtig vor“, sage ich.

Es wird still. Augen glänzen, Zungen belecken Mundwinkel, ein wohliger Seufzer ertönt.

An diesem Abend sind die Fensterscheiben des kleinen Ladens blitzblank geputzt. Selbst die Türschwelle ist gefegt. Leider kann ich trotz sauberer Fenster nicht mehr hineinsehen. Dunkelrote Samtvorhänge versperren den Blick. Ich lege trotzdem meine zwei Kaffeebohnen (geröstete Nüsse&Kakao) ab.

Mein Businesskostüm bleibt im Schrank. Ich ziehe jetzt bequeme, aber trotzdem schicke Hosen an und wage sogar eine Bluse mit einem dezenten Blümchenmuster, dazu ein farbig passendes Halstuch.

„Was soll das heißen, Sie machen keine Überstunden mehr, Schmidtchen? Was ist mit Arbeitsmoral, was ist mit dem Wohlergehen unserer Firma?“, empört sich mein Chef.

„Und was ist mit uns, sollen wir die etwa alles machen?“, empören sich meine Kolleginnen.

Natürlich gehört eine marmeladenfarbene Katze ins Café. Sie schläft am liebsten in einem Sonnenfleck im Schaufenster und ihr Schnurren wirkt beruhigend. Außerdem gibt es ein Bücherregal. Zum Tauschen, lesen, mitnehmen, neu bringen. Und im Hintergrund spielt leise ein melodisches Jazzpiano.

An diesem Abend steht Zartbitter&Zimt in einem geschwungenen Schriftzug über dem Ladeneingang. Die Vorhänge sind immer noch zugezogen. Ich lege ein Exemplar von Alice im Wunderland auf die saubere Türschwelle und stelle ein Töpfchen mit Katzengras daneben. Von drinnen höre ich das unverwechselbare Geräusch einer Kaffeemühle und das Gurgeln und Zischen des Milchaufschäumers.

Nachts kann ich vor Aufregung kaum schlafen.

Doch am nächsten Morgen ist immer noch alles geschlossen, und das ändert sich auch in den folgenden Tagen nicht.

Im Büro steht eine neue Kaffeemaschine, eine von der Sorte, die kleine Kapseln benötigt. Mehr Plastikmüll, aber keinen kümmerts, Hauptsache, Kaffee. Auf meinem Schreibtisch häufen sich die Aktendeckel. Die Kolleginnen reden nicht mehr mit mir.

Abends schleiche ich geknickt am geschlossenen Laden vorbei. Er scheint auf etwas zu warten, etwas fehlt noch. Aber ich weiß nicht, was.

Nachts träume ich davon, im Büro von wildgewordenen Computern verfolgt zu werden und erwache schreiend. Mein Bildschirm hat mich gefressen.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Amseln zwitschern. Ich ziehe Jeans, Turnschuhe und eine bunte Bluse an.

Die Vorhänge von Zartbitter&Zimt sind immer noch zugezogen.

„Was willst du?“, frage ich. „Was brauchst du noch?“

Leise öffnet sich die Eingangstür. Ich lasse mich nicht zweimal bitten.

Innen drin sieht alles genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe. Meine Finger streichen über die roten Samtpolster der Sesselchen. Auf den Tischen brennen Kerzen, im Bücherregal warten die Bücher. Der Duft nach gemahlenem Kaffee und frisch gebackenen Zimtschnecken ist überwältigend. Ich inspiziere den Kuchentresen, sehe Schokoladenbrownies und Mürbeteigkekse, alles frisch und einladend. Alles bereit. Und jetzt?

Ein leises Wispern liegt in der Luft, eine Unruhe, ein Verlangen.

Wonach?

Ich lege meine Hand auf die Kaffeemaschine, das Herz des Ganzen. Sie erwacht leise brummend zum Leben und ein erleichterter Seufzer weht durch den Laden. Die Vorhänge vor den Fenstern öffnen sich ganz von selbst. Die Tür geht auf, eine orangefarbene Katze spaziert herein und blickt sich anerkennend um.

Auf dem Tresen liegt eine kleine Kaffeebohne.

 

 

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Phantastischer Montag: Neues Jahr, neue Geschichten, jeden Montag eine, reihum auf unseren Blogs zu lesen. Damit euer Montag ein wenig phantastischer werden möge, haben sich drei Autor*innen zusammengefunden. Wer wir sind und was euch erwartet, steht hier nachzulesen: Phantastischer Montag 2023.

Mehr Storys auf meinem Blog unter phantastischer Montag.

Im Mai schreiben wir Urban Fantasy, und da der Monat fünf Montage hat, gibt es heute Bonusgeschichten zum Thema Magische Gebäude.

Ihr findet uns übrigens auch auf FB und Instagram. Und das erste Buch/Hörbuch gibts natürlich auch schon:

Viel Spaß beim Lesen!

1 comment found

  1. Ja. Genauso muss es sein. Wir denken nur daran und -schwups- passiert’ s. Wobei: kennen wir das nicht auch von uns manchmal? 😉 Liebe Grüße, Anne

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