Carola Wolff

Fantasyautorin
Terry Pratchett: Aus der Tastatur gefallen

Terry Pratchett: Aus der Tastatur gefallen

Ich habe die Scheibenwelt erst verhältnismäßig spät kennen gelernt, und auch nur deshalb, weil ein Freund sie mir ans Herz gelegt hat. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar. Was hätte ich nicht alles verpasst! Magie, Shakespeare, drei Hexen, Kriminalfälle, Teppichvölker und Gevatter Tod, ganz zu schweigen von Käpt’n Mumm von der Stadtwache, den ich ganz besonders liebe.

Terry Pratchett: Aus der Tastatur gefallen

In diesem Buch nun sind Reden, kleine Aufsätze und Artikel versammelt, die Einblicke in Terry Pratchetts Leben, Schreiben und Denken geben. Merkwürdige Vorfälle auf Lesereisen, skurrile Begegnungen auf Conventions und die Entgegennahme von Ehrendoktortiteln. Eine echte Schatzkiste, die mich hat lachen, weinen und wundern lassen.

Man merkt beim Lesen, wieviel ihm die Fantasy (und SF) bedeutet und dass es ihm mächtig auf die Nerven geht, wenn ihr Flucht aus dem Alltag u.a. vorgeworfen wird.

Pratchett zitiert dazu gerne Chesterton:

„Man wirft den Märchen vor, sie machten den Kindern weis, es gäbe Drachen. Dabei haben die Kinder schon immer gewusst, dass es Drachen gibt. Die Märchen zeigen ihnen lediglich, dass Drachen getötet werden können.“ (S.149)

Und was SF anbelangt:

„Wir halten die Zukunft für eine riesige Welle, die uns davonträgt. Wir glauben, dass wir sie kommen sehen. Stattdessen bildet sie erst kleine Pfützen um unsere Füße und steigt uns dann ganz langsam über den Kopf, während wir mit anderen Sachen beschäftigt sind. Wir leben in einer Science-Fiction-Welt und merken es nicht einmal.“ (S. 257)

Pratchett hat in seinen Romanen das geschafft, was er selbst an Fantasy so liebt: Alltägliches auf eine ganz neue Weise zu präsentieren und es dadurch in Frage zu stellen. Dazu noch sein wunderbar skurriler Humor, das ergibt nicht nur eine unwiderstehliche Lesemischung, sondern auch eine praktische Alltagsbewältigung (z.b. im Umgang mit seiner Erkrankung):

„Als Fantasy Autor erschaffe ich mit fast jedem Buch neue Götter und Philosophien (besonders zufrieden bin ich mit Anoia, der Göttin der Dinge, die in Schubladen klemmen, einer Göttin, deren Tempel mit den verbogenen Überresten von Schneebesen und Pfannenwendern geschmückt ist. Sie scheint auch in unserer Welt am Werk zu sein). Aber seit ich mir die Alzheimer Krankheit eingefangen habe, verbringe ich meine langen Winterspaziergänge damit herauszufinden, woran ich – wenn überhaupt – wirklich glaube.“ (S. 264)

Pratchett hat sich durch Bibliotheken und Büchereien gelesen, die, so sagt er, mehr zu seiner Ausbildung beigetragen haben als Schulen. Er las alles, denn „(…) ein Autor gedeiht auf vielen unterschiedlichen Sorten von Kompost (…)“.

Vom Erfolg seiner Bücher zeigte er sich selbst sehr überrascht. Mit dem Geld hat er nicht nur die Alzheimer Forschung unterstützt, sondern auch Projekte zum Schutz des Orang Utan (der Bibliothekar aus der Scheibenwelt ist einer).

Ich habe dieses Buch nicht nur als Autorin (Einblicke in seinen Schreiballtag), sondern auch als Leserin (Einblicke in die Entstehungsgeschichte der Scheibenwelt) sehr geliebt.

„Manchmal ist das falsche Wort das richtige Wort, und manchmal kann man Worte so drehen und wenden, dass die Stille schreit.“ (S.298)

Was in allen seinen Worten und Schriften (und natürlich ganz besonders in seinen Büchern) durchscheint, ist Pratchetts Sinn für Gerechtigkeit, seine Liebe zu den Menschen, sein Zorn über deren Dummheit und Narreteien und immer wieder seine Hoffnung, dass sich Weisheit, Witz und gesunder Menschenverstand am Ende durchsetzen.

Auch wenn es manchmal ziemlich knapp wird.

 

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