Mehr Meer

Mehr Meer

Alles begann mit einem schmalen, durchgehenden Balken Dunkelblau am unteren Bildschirmrand. Egal, welches elektronische Medium gerade benutzt wurde: Wenn es einen Bildschirm hatte, zeigte sich dieser Rand.
Es war ein tiefes Dunkelblau, kein stetiger, starrer Farbbalken. Da gab es leicht wellenförmige Bewegungen, die Farbe war Änderungen, Modulationen unterworfen. Ins Schwarz hineinspielend, oder heller, fast leicht grünlich werdend, als würden ferne Sonnenstrahlen hindurchdringen wollen. Und der Balken wuchs, das Blau stieg. Langsam, fast unmerklich, aber stetig.
Man konnte zusehen, wie der eigene Bildschirm davon in Besitz genommen wurde, wie das, was man gerade tat, schrieb, spielte oder sah, langsam unterging.
Fröhliche Tweets schaukelten sacht auf den Wellen, Hasskommentare sanken wie Blei, Tinder-Profile klammerten sich vergeblich aneinander. Dokumente segelten kleinen Papierfaltbooten gleich noch eine Weile an der Oberfläche herum, bis auch sie hinabsanken.
Zuerst hielten vereinzelte Nutzer das für einen simplen Softwarefehler. Aber die Neuigkeit verbreitete sich schnell und schließlich mussten die Menschen auf der ganzen Welt einsehen, dass sie alle betroffen waren.
Jedes Handy, jeder Laptop, jeder Fernseher, ja sogar Kinoleinwände und große elektronische Reklametafeln verwandelten sich nach und nach in … Aquarien.
Fische tummelten sich im Blau. Ein einsamer Hai zog majestätisch hindurch.
Sah man sich einer Hacker-Attacke nie gekannten Ausmaßes gegenüber? Handelte es sich vielleicht sogar um Öko- oder sonstigen Terrorismus? Aber warum stellte niemand Forderungen?
Nun, vielleicht, weil das nicht mehr ging. Sämtliche elektronische Kommunikation war gestört. Wer ein Telefon benutzte, hörte nur noch sanftes Rauschen und Blubbern in der Leitung, was viele Menschen allerdings ungemein beruhigend fanden.
Sprachnachrichten wandelten sich in Walgesänge. Whatsapp-Chats wurden zu Delfingeschnatter. Alexa und Siri beantworteten jede Frage mit einem sanften Muschelrauschen. Google soff komplett ab.
Verschiedene politische Gruppierungen machten ihre jeweiligen Gegner für alles verantwortlich. Politiker hielten Reden, während ihnen das Wasser schon bis zum Hals stand.
Eine große Reklametafel auf dem Times Square zeigte eine Meerjungfrau, die sich neugierig von innen an die durchsichtig gewordenen Fläche presste und den Menschen zuwinkte, die fassungslos zu ihr hochsahen.
Nur die Kinder winkten zurück.
Auf verschiedenen Bildschirmen tauchte Atlantis auf. Anstatt Ego-Shooter zu spielen, konnte man die kiemenbewehrten Bewohner beobachten, die völlig unbeeindruckt ihrem Tagewerk nachgingen, nein, -glitten. Es lag eine zufriedene Poesie in ihren ruhigen, flüssigen Bewegungen, die in vielen Menschen eine stille Sehnsucht auslöste.
Irgendetwas in ihnen, etwas Altes, dass in den Genen ruhte, erinnerte sich. Daran, wo sie hergekommen waren. An den Anfang, den Ursprung. Die Stille und das langsame Gleiten in einem freundlichen, sauberen Element. Sie erwachten wie aus einem langen Traum, blickten sich um und sahen mit Schrecken, was sie seitdem aus der Welt gemacht hatten. Die Sehnsucht in ihnen wurde immer größer. Einer nach dem anderen beschloss, zurückzukehren.
Arbeitsplätze wurden verlassen, Fabriken standen still, das öffentliche Leben kam zum Erliegen. Überall, auf dem ganzen Planeten, zogen die Menschen in langen Reihen zum Wasser hin. Egal, ob groß oder klein, weise oder dumm. So gut wie keiner widerstand dem Sirenengesang des Meeres.
Als der letzte versunken war, herrschte endlich Frieden auf dem Planeten. Die Natur begann sogleich mit dem langwierigen Geschäft ihrer Selbstheilung.
Die paar wenigen, zurückgebliebenen Narren und Bücherwürmer hüteten sich, ihr dabei ins Handwerk zu pfuschen.
Man hatte alle Zeit der Welt, ein Teil des Ganzen zu werden. Sich seinen Platz zu suchen und zu lernen, wie man miteinander lebte.
Und das, liebe Kinder, ist die Geschichte unserer Entstehung.

 

 

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Im September dreht sich bei uns alles ums Meer. Jeden Montag eine neue Shortstory von einem anderen Autor. Achtet auf #phantastischermontag!

Alle werden natürlich auch nach und nach hier verlinkt:

Bei C.A. Raaven heißt es: Meerweh.

Maike Stein lässt uns das Meer mit völlig anderen Augen sehen: Warum?

 

Was es mit unserer Story-Aktion auf sich hat, erfahrt ihr hier: #phantastischermontag

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(Bild: Copyright Isabell Schmitt-Egner)

 

 

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