Carola Wolff

Herzgeschichten fürs Kopfkino
Exit – Eine Kurzgeschichte

Exit – Eine Kurzgeschichte

LovelyBooks hat zum Fanfictionwettbewerb aufgerufen, da konnte ich natürlich nicht Nein sagen. ‘Alice im Wunderland’ ist seit meiner Kindheit eines meiner absoluten Lieblingsbücher und hier spinne ich die Geschichte ein bißchen weiter… (PS ‚Exit‘ hat den Wettbewerb gewonnen)

 

Exit

„Ever drifting down the stream
Lingering in the golden gleam
Life, what is it but a dream?“
Lewis Carroll

 

Sie hatte wieder kalte Hände. In letzter Zeit fror sie so leicht, obwohl die Heizung fröhlich vor sich hin bullerte. Der Katze schien es nichts auszumachen, die schnurrte behaglich auf der Bettdecke und ließ sich streicheln. Das machte das Träumen leichter. Bis sie gestört wurde.

„Heute bekommen wir Besuch, Mrs Hargreaves. Wollen wir uns ein bisschen hübsch machen?” Schwester Haselmaus huschte herein und wedelte mit den Händen:

„Hopp hopp, runter mit dir!”

Die Katze grinste, sprang elegant auf das Fensterbrett und besah sich die Schneeflocken, die draußen unaufhörlich fielen.

„Vorsicht, ich helfe ihnen beim Aufsetzen. Schön langsam. So, und jetzt werde ich ihnen die Haare kämmen und einen prächtigen langen Zopf machen, wie sie es mögen.”

Sich kämmen lassen. Das erinnerte sie an die Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, ein echter Wildfang, furchtlos und neugierig. Türen, Löcher, Fenster. Eingänge, Ausgänge. Sie hatte alles erkundet und wundersame Abenteuer erlebt.

„Ihre Schwiegertochter kommt, und sie bringt die Enkelkinder mit. Ist das nicht schön?”

Alle hatten gelacht, damals, als sie von ihrem Sturz in das fantastische Land berichtete, in dem die Dinge irgendwie verquer waren. Alle, bis auf den Mann mit den regengrauen Augen. Der hatte ihre Geschichte sogar aufgeschrieben, und ihr das Manuskript geschenkt. Später machte er dann ein Buch daraus. Kindergeschichten. Das Manuskript wurde wertvoll. Doch sie versteckte es.

„Nun sind wir wieder hübsch und präsentabel”, sagte die Haselmaus. „Ich gehe jetzt, aber nachher schicke ich den Pfleger mit Tee und Kuchen vorbei.”

Danach wurden andere Türen geöffnet. Eingänge. Durchgänge.

Ihr Mann trug sie über die Schwelle. Er öffnete eine Tür in ihrem Herzen. Die Hebamme öffnete die Tür zum Entbindungszimmer. Dreimal. Sie selbst durfte dann die Kinderzimmertür öffnen, die Küchentür, die Speisekammertür. Aus dem Wildfang wurde eine Ehefrau und Mutter.

Doch der große Krieg kam, nahm ihr zwei Söhne und sorgte dafür, dass ein Bestatter Sargdeckel schließen musste. Dann ging ihr Mann von ihr. Und der letzte Sohn starb ebenfalls. Manche Türen konnte man nie wieder öffnen. Nur der Schmerz blieb.

Jetzt war sie müde, und das Herz flatterte unruhig in ihrer Brust.

Sie schloss die Augen und versuchte, hinunterzufallen. Tiefer und tiefer. Wurde wieder gestört.

Die rote Königin rauschte herein. Sie hatte Twiddeldum und Twiddeldee mitgebracht, die sich lauthals um ein rotes Spielzeugauto stritten.

Kurioser und kurioser.

„Du hast es kaputt gemacht!”, schrie Twiddeldum.

„Nein, du warst es!”, schrie Twiddeldee.

„Es ist stickig hier drinnen”, sagte der rote Mund. Er gehörte zur Frau des letzen Sohnes (wahrscheinlich hatte sie ihm den Kopf abgeschlagen). „Wie geht es dir?“

„Verdaustig.”

Die Brüder feixten. Die rote Königin verzog abschätzig das Gesicht. Dabei war es so einfach: Verdaustig, die Zeit nach dem Mittagessen. Wenn man noch verdaut, aber schon wieder durstig ist.

„Mama, wir wollen die Katze streicheln!”

Die Katze machte einen gewaltigen Satz und landete auf dem Schrank. Brüderliches Heulen ertönte. Das weiße Kaninchen stürzte herein und zuckte nervös zurück, als es die rote Königin erblickte.

„Doktor, sie redet schon wieder wirres Zeug! Und dieses hässliche Biest haart hier alles voll. Das ist unhygienisch!”

Vom Schrank herunter ein Grinsen, mal mit, mal ohne Katze. Es ging so schnell, das ihr ganz schwindlig wurde.

„Ich werde die Medikamentendosis erhöhen”, wisperte das Kaninchen, sah auf die Uhr, sträubte die Barthaare und lief aus dem Zimmer.

„Wo ist das Manuskript?” Die rote Königin beugte sich über das Bett.

„ Zipferlak!“

Ihr Herz flatterte jetzt stärker. Sie war zu klein, das Bett zu groß. Die Katze fauchte vom Schrank herunter, die Brüder kicherten.

„Teestunde!”, verkündete der verrückte Hutmacher und schob ein Rollwägelchen in das Zimmer. „Wer möchte Kuchen?”

„Ich!”, schrie Twiddeldum. „Ich auch”, schrie Twiddeldee.

„Zeitverschwendung. Wir gehen”, sagte die rote Königin.

Das Heulen von Twiddeldum und Twiddeldee verlor sich draußen im Flur. Der verrückte Hutmacher zwinkerte ihr zu und goss etwas Rum in den Tee. Das hatte er versprochen im Austausch für das Manuskript. Schwarzer Tee, aromatisch und süß. Gut für ihre trockene Kehle.

Der verrückte Hutmacher ließ sie allein.

Das Grinsen wurde wieder Katze, stieg vom Schrank herunter und legte sich auf ihre Brust. Langsam beruhigte sich ihr flatteriges Herz, schlug gemächlicher. Hielt inne.

Draußen deckte der Schnee alles zu, drinnen wurden endlich ihre Hände warm, zausten das Fell der schnurrenden Katze.

Es war Zeit. Sie wollte mit der Raupe ein Pfeifchen rauchen, mit dem Märzhasen Tee trinken, mit dem Hummer eine Quadrille tanzen, sie wollte Schach spielen und Königin werden. Aber vor allem wollte sie wieder ein Wildfang sein.

Und plötzlich begriff sie.

Es war nicht eine Tür, die sie öffnen musste. Es war ein ganz anderer Durchgang.

Sie schloss die Augen und ging durch den Spiegel.

 

 

 

 

Bildquelle: J. Hildebrandt

 

 

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