Die Erfinderin

Die Erfinderin

Im Zimmer nebenan ist die Königin von England eingesperrt. Vielleicht sogar die echte? Es würde die Erfinderin nicht wundern, aber es interessiert sie auch nicht wirklich. Denn sie muss eine Ausbruchsmaschine erfinden. Schon vor einigen Jahren hat sie die Reste der schimmeligen Seidentapeten vollends von den Wänden ihres Zimmers gerissen, und diese mit Berechnungen und Grafiken vollgekritzelt.

Seit 25 Jahren sitzt sie hier fest. Zu lange. Sie hat Ideen, hat Pläne, aber es fehlt ihr an Material. Sie braucht Zahnräder, Draht, Spulen. Sie braucht Bindfäden, und eine Engelsfeder. Nein, streich das letzte, sie ist ja nicht verrückt.

Draußen steht Sanatorium dran, aber drinnen ist es einfach nur ein Gefängnis. Einst ein prachtvolles Lustschlösschen, jetzt ein zugiges altes Gemäuer, mit vermodernden Samtgardinen und ausgebleichten Ölgemälden, auf denen die Ahnen Grimassen schneiden ob des kläglichen Bildes, dass sich ihnen in den Gängen bietet.

Sie sperren die Versager in den alten Kasten, die Verrückten, die, die Anders sind, die da draußen zu sehr auffallen, die nicht dazugehören. Allerdings nur die wenigen Glücklichen, die noch jemanden haben, der das hier bezahlt. Oder besser, Unglücklichen. Denn man kann hier genauso gut eine unliebsame Erbtante verschwinden lassen wie den eigenen Erstgeborenen, nur weil er Männer liebt, statt Frauen.

Das alte Schlösschen ist gestopft voll mit kaputten Dingen. Einarmige Puppen, Kinderwagen ohne Räder, mottenzerfressene Teppiche, deren Farben manchmal in der Morgensonne verzweifelt aufleuchten. Schräge Tische, Sofas, aus denen die Füllung quillt. Aufgesprungenes Parkett. Räume, in die es hinein regnet. Räume, die niemand betreten hat.

Uhrwerkspinnen kriechen durch die Gänge und spinnen Zeitfallen. Wer sich in denen verfängt, verliert Tage, Wochen oder sogar Jahre. Die Uhrwerkspinnen saugen sie ihren Opfern aus. Leider erwischen sie nie einen der Wächter.

Die Erfinderin tüftelt an ihrer Ausbruchsmaschine herum. Soll es durch die Mauer gehen, oder lieber darüber? Soll sie einen Tunnel graben unten durch? Ache, es ist ein Elend, alles was sie bauen möchte, wäre zu groß und würde sofort auffallen. Ganz zu schweigen davon, dass sie die nötigen Teile nicht zusammenbekommt.

Die Erfinderin träumt von Kolben, Bolzen und Zahnrädern. Sie darf manchmal den Dampfkessel reparieren, der im Keller steht, aber selbst da fallen keine großen Teile an. Es sind nur kleine Dinge, die sie heimlich beiseite schaffen kann.

Die Königin von England beschwert sich tagtäglich sehr laut über etwas. Heute wieder über den Frühstücksbrei. Klumpig, salzig, ungenießbar. Die Erfinderin knackt mit ihren Fingern. Nachts ist es noch schlimmer. Die Königin hat Albträume, aus denen sie schreiend erwacht: Mama!

Die Erfinderin baut eine kleine, klopfende Herzmaschine. Beim nächsten Ausgang, eine Runde im Park, steckt sie diese der Königin von England zu. Eine Aufmerksamkeit des Königs, flüstert die Erfinderin. Die Königin soll sie unter ihr Kopfkissen legen. Das sie es getan hat, beweist die wunderbare Stille bei Nacht. Die Erfinderin stellt sich vor, wie die Königin da liegt und den Herzschlägen lauscht. Sogar die Vorstellung ist schon beruhigend.

Heute haben die Insassen Ausgang im Park. Der Park ist von einer hohen Mauer umgeben, die oben mit braunen Glasscherben gespickt ist (die Wächter trinken Bier aus braunen Flaschen).

Eine alternde Primadonna tanzt im Park. Sie hat ihr Haar mit Federn und Glasperlen geschmückt. Sie zittert stark, aber ihren Bewegungen haftet noch die alte Grazie an. Zu ihren Füßen raschelt Laub, die alten Bäume scheinen interessiert ihre Kronen zu beugen. Als die Primadonna stolpert und hinfällt, lachen sich die Wächter kugelig. Die Erfinderin knackt mit ihren Fingern.

In einer moderigen Ecke des Speisesaals hat sie eine alte Spieluhr entdeckt und auf ihr Zimmer geschmuggelt. Eigentlich hatte sie gehofft, die Zahnrädchen und feinen Schrauben für ihre Maschine nutzen zu können. Jetzt repariert sie die Spieluhr, so dass die kleine mechanische Ballerina wieder zu einer feinen Melodie tanzen kann. Beim nächsten Ausgang wird sie diese der alternden Primadonna zustecken. Nur ein kleiner Trost.

Nachts steht die Erfinderin manchmal am Fenster und sieht zu den Sternen empor. Sie sind wunderbar und sicher ist die Welt, das Universum, voller Wunder.

Wir sind aus Sternenstaub gemacht, hat die Poetin geflüstert, die ihre Gedichte auf alles kritzelt, was sie finden kann. Auch die Wände ihres Zimmers sollen mit Worten übersät sein. Worte, die den Machthabern Furcht eingeflösst haben. Worte, die den Menschen Ideen gaben, die ihnen Visionen brachten, Liebe und Hoffnung auf eine gerechte Welt.

Wir sind aus Sternenstaub, denkt die Erfinderin, alles ist möglich. Wir gehören alle zusammen, wir sind ein Teil von etwas Großem, Wunderbaren. Warum nur müssen wir uns dann gegenseitig so viel Leid und Schmerz zufügen? Sie begreift es nicht.

Was war da draußen, zwischen den Sternen? Gewiss konnten sie nicht die einzigen Menschen in diesem Universum sein. Nicht die einzigen vernunftbegabten Wesen (die ihre Vernunft so entsetzlich mißbrauchen)?

Und da hat die Erfinderin eine Idee. Hat man sie denn nicht eingesperrt, weil sie an das Unmögliche glaubte, und zwar schon vor dem Frühstück?

Sie weiß, was sie jetzt baut. Sie baut eine SOS-Maschine. Die muss nicht groß sein, nur leistungsstark. Denn sie soll das SOS hinaus senden, ins Weltall. Hinaus zu den Sternen. Und dafür wird sie einen Antrieb brauchen, eine Kraftquelle. Selbst die Dampfmaschine im Keller wäre nicht ausreichend. Aber die Erfinderin weiß sich Abhilfe zu schaffen. Sie hört es ja, jeden Tag, in den Gängen, sie hört es im Park, sie hört es nachts, aus den Räumen. Sie hört den Kummer, die Verzweiflung und das Leid der Eingesperrten, es ist nicht nur ein Laut, es ist auch ein Gemisch, das die Luft durchtränkt, ein Odem, der durch die Anstalt weht, und an dem die Wachen eigentlich ersticken müssten. Die Erfinderin baut ein Netz, dass den Odem der Verzweiflung fängt, und sie treibt ihre Maschine damit an. Denn Verzweiflung ist eine große Kraft. Und die kleine Maschine sendet ihr SOS hinaus zu den Sternen. Unermüdlich, Tag für Tag, Nacht für Nacht.

Nichts geschieht.

Die Erfinderin ist kurz davor, aufzugeben. Sie schleicht sich davon, bei einem Ausgang im Park, versteckt sich unter den alten Buchen. Sie hat sich ein Seil gedreht und betrachtet nun prüfend die Äste über ihr. Sie braucht einen, der stark genug ist.

Da kommt ein Wind auf, wirbelt Blätter durcheinander, ein merkwürdiges Geräusch ertönt und …

eine blaue Telefonzelle landet zwischen den Bäumen. Der Erfinderin fällt das Seil aus der Hand. Die Tür öffnet sich, ein kleiner, schlanker Mann schlendert heraus. Er mustert die Erfinderin (auch das Seil entgeht ihm nicht), dann begutachtet er das Schlösschen, das zwischen den Bäumen hervorlugt. Er saugt prüfend die Luft ein, als könne er noch hier draußen den Odem der Verzweiflung spüren (und sie glaubt, er kann es tatsächlich).

„Sie haben nicht zufällig um Hilfe gebeten?“

Die Erfinderin, sprachlos, nickt.

„Das trifft sich gut. Ich kann eine geniale Frau wie sie gebrauchen.“

„Wer…?“, stammelt die Erfinderin.

„Ich bin der Doktor und ich brauche dringend eine Erfinderin. Für eine Erfindung, die die Welt retten kann.“

Er öffnet die Tür der blauen Box. Innen drin ist sie viel größer als draußen. Der Erfinderin wird ganz schwummerig zumute.

„Ich habe alles, was sie brauchen. Und was ich nicht habe, kann ich beschaffen.“

Er lächelt einladend. Und sie begreift, sie kann gehen. Jetzt, sofort. Und das tun, was ihr Lebenssinn und Zweck war. Das, was sie liebte. Die Erfinderin dreht sich zu dem Schlösschen um. Grau und starr steht es zwischen den Bäumen. Sie denkt an die Königin, an die Primadonna, die Poetin …

„Ich kann sie nicht alleinlassen“, sagt sie leise.

„Verstehe“, nickt der Doktor. „Das ehrt Sie. Und deshalb bin ich hier.“

„Ich habe versucht, eine Ausbruchsmaschine zu bauen, aber …“

Sie lässt ihre Schultern hängen. Sie hat versagt.

„Sehen Sie“, sagt der Fremde vergnügt, „Sie sind ein Genie. Sie haben mit den einfachen Mitteln, die Ihnen zur Verfügung stehen, eine Maschine gebaut, die mich zwischen den Sternen erreicht hat. Das Signal war klar, deutlich und sehr kräftig.“

„Meine SOS-Maschine hat funktioniert?“

„Und wie! Nun stellen Sie sich vor, Sie nutzen diese Kraft für etwas anderes …“

Der Doktor sieht sie erwartungsvoll an. Das Hirn der Erfinderin schlägt Purzelbäume. Aber ja, warum hat sie das nicht gleich gesehen? Die Erfinderin knackt mit den Fingern. „Ich erfinde eine Revolutionsmaschine!“

„Was brauchen Sie, meine Liebe?“

Aber die Erfinderin hat bereits alles, was sie braucht. Das Herzklopfen der Königin, die Worte der Poetin, den Tanz der Primadonna. Alle Hoffnung, alle Liebe, alle Sehnsucht, alle Wünsche. Mächtiger, potenter Treibstoff, aus der Luft gesaugt, destilliert, in Form gegossen. Eine umgekehrte SOS-Maschine: eine Revolutionsmaschine, die Musik spielt. Eine Musik, die ins Herz geht, in den Kopf, in die Beine. Die Mut macht, die Gesichter zum Leuchten bringt. Die jeden, der sie hört, sich erinnern lässt. An die eigene Stärke, die eigene Kraft. Es ist ein Marsch, es ist ein Rhythmus, der die Grundmauern des Schlösschens zum beben bringt. Es ist ein Laut, der Ketten sprengt, Fesseln, Türschlösser. Der Mauern bröckeln und einstürzen lässt.

Und da kommen sie auch schon, verlassen das Schloss, hüpfen, tanzen, lachen und niemand kann sie aufhalten.

Der Doktor klatscht begeistert in die Hände. „Ich wusste, Sie würden das schaffen. Und nun, wohin jetzt?“

Die Erfinderin betrachtet nachdenklich all die Verrückten da draußen.

„Ich bleibe hier. Irgendjemand muss sich ja um sie kümmern.“

Sie lächelt, der Doktor lächelt zurück. „Ich habe nichts anderes erwartet. Und sollten Sie mich mal brauchen, nun, Sie wissen ja, wo Sie mich erreichen können.“

Eine Tür schliesst sich, Wind kommt auf. Die blaue Box verschwindet.

Aber das fällt der Erfinderin schon gar nicht mehr auf.

Denn es gibt noch viel zu tun.

 

 

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Ein neues Jahr, ein neues Thema. Diesmal lassen wir uns von unseren Lieblingssongs zu phantastischen Geschichten inspirieren. Den Anfang machen im Januar Four Non Blondes mit Whats up, einem meiner Lieblingslieder. Und das ist die Geschichte, die ich dazu geschrieben habe.

Bin schon sehr gespannt, was sich die anderen dazu ausgedacht haben. Achte auf #phantastischermontag (ich werde sie natürlich auch hier drunter alle nach und nach verlinken):

Bei C.A. Raaven geht es mit Charme, Schirm und Melone zur Sache.

Maike Stein nimmt es mit einem Fünkchen Gelassenheit.

 

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2 comments found

  1. Liebe Carola,
    für mich ist deine Geschichte wunderbar, phantasievoll, lebendig, humorvoll und zauberhaft.
    Ich mag besonders den Satz “ …, weil sie an das Unmögliche glaubte und zwar schon vor dem Frühstück.“
    Vielen Dank für die tolle Geschichte
    Susanne

    1. Liebe Susanne, vielen Dank. Und ausgerechnet deinen Lieblingssatz habe ich bei Alice im Wunderland entlehnt … 🙂 Ich liebe dieses Buch und Motive daraus tauchen öfter in meinen Geschichten auf. Liebe Grüße von Carola

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