Der Buchliebhaber

Der Buchliebhaber

Sie saß gerne in der Bibliothek und schrieb.
Es gingen zwar keine Engel dort um, doch das Gewisper und Geraune der Geschichten floss wie ein ruhiger Strom durch ihr Gehirn und befeuchtete ihre kleinen grauen Zellen. Manchmal huschte eine Muse durch die Gänge. Und manchmal ein Leser.
Es war die Art und Weise, wie er mit den Büchern umging, die zuerst ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. Nicht seine schmale Gestalt in Jeans und schwarzem Pulli, immer ein wenig schlaksig, ein wenig unbeholfen. Nicht die Brille auf seiner Nase, die er immer wieder hochschieben musste. Nicht der dunkle Haarschopf, der immer ungekämmt wirkte.
Sondern sein Verhalten.
Er hatte allerdings saubere Hände. Das muss erwähnt werden, das war wichtig. Nie dreckige Finger, nikotingefärbt oder gar mit braungeränderten Fingernägeln. Sondern helle, sauber geschrubbte Haut, die eine kräftige Muskulatur umspannte.
Aber die Bücher …
Er öffnete sie respektvoll. Immer langsam, vorsichtig, ja fast mit Andacht. Nie schlug er sie ganz und gar auf, machte sie wehr- und hilflos, so dass ihre Seiten offen lagen und ihr Rücken gebrochen war. Nie fuhrwerkte er ungeduldig in ihnen herum, auf der Suche nach für ihn interessanten Stellen.
Nie knickte er gar Seiten ein, beschmierte, beschädigte oder ließ seine Wut an ihnen aus, wenn sie nicht seinen Erwartungen entsprochen hatten.
Er war durchaus anspruchsvoll. In seinen Augen funkelten die Schwerter der Montagues und Capulets im Kampf, dort ertrank Ophelia leise singend und Cathy wanderte über das Moor auf der Suche nach Heathcliff. Doch wenn ihm ein Buch nicht zusagte, dann stellte er es einfach wieder ins Regal zurück. Und zwar genau dahin, wo es hingehörte. Ob Bestseller oder Remittende, ob leinengebundenes Hardcover oder pappgedeckeltes Taschenbuch, er behandelte sie alle mit der gleichen Höflichkeit.
Er war ein Gentleman.
Sie wusste das, denn sie hatte ihn beobachtet. Er war, wie sie, ein Dauergast in der Bibliothek. Saß gerne in einem der tiefen Lehnsessel vor dem Kamin, in dem nie ein Feuer brannte. Doch leider hatte er nur Augen für das Eine. Und das erhielt seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
Oh, wie sie das Buch in seinen Fingern beneidete. Er strich über die leichte Rundung des Rückens, erfreute sich an der seidigen Oberfläche des Papiers, bewunderte die Schönheit des Schriftbildes.
Und hatte er erst mal ein Buch geöffnet, hielt er es sanft, aber fest in seinen Händen. Blendete alles ringsherum aus. Nichts anderes existierte mehr für ihn als der Schatz in seinem Besitz.
Sein Blick erfasste alles, erfasste das Innerste, das ihm dargeboten wurde, das sich ihm enthüllte. Seite für Seite drang er tiefer vor, erkundete alle Geheimnisse, wuchs in sie hinein, dehnte sich, lebte und atmete in ihnen, mit ihnen. Für sie.
Lesen und nichts anderes. Er tat es mit Verstand und Hingabe. Er tat es so lange, bis er alles erfahren hatte, bis er jedes Wort begriff, bis die Geschichte aufblühte in seinen Händen, atmete, lebte und irgendwann dann endlich regelrecht zu leuchten begann. Weil hier einer war, der verstand. Der sich Zeit und Ruhe nahm, der sie genoss, der Einzelheiten wahrnahm und doch das Ganze nie darüber vergaß, einer, der trunken werden konnte von Sätzen, sich berauschen, eintauchen, erforschen, Neues entdecken, sich daran erfreuen. Einer, der keine Angst hatte sich hinzugeben, mit Haut und Haaren.
Sie beobachtete ihn, während er las, wurde atemlos, wurde unruhig, dachte sich tausendundeine Szene aus, in der sie ihn ansprach. Plante den Fortgang der Handlung, malte sich den Höhepunkt aus und öffnete leicht ihre Lippen. So einen Leser hatte sie sich ihr Leben lang gewünscht.
Und dann klingelte lautstark ihr Handy.

Er sah auf. Sein Blick war schwarzes Eis und bohrte sich wie eine vernichtende Rezension in ihr Herz.
Scheiße, scheiße, scheiße.