Der Auftrag

Der Auftrag

Es war später Nachmittag. Ich hatte gerade den Bourbon aufgemacht und meine Füße auf den Schreibtisch gelegt, als eine dralle Blondine hereinplatzte wie eine falsch gesetzte Pointe.
„Sind Sie Scrivener, der literarische Privatdetektiv?“
„Steht draußen dran.“
„Ich brauche Ihre Hilfe.“
Sie hatte Kurven wie ein gutgebauter Spannungsbogen, aber ob sie mit diesem ersten Satz ihre Leser fesseln konnte, war fragwürdig.
„Ich habe meine Muse verloren.“
„Vielleicht hat er mal ne kleine Abwechslung gebraucht?“
„Aber das sieht ihm gar nicht ähnlich, einfach so zu verschwinden. Bitte, Sie müssen ihn unbedingt finden. Ohne ihn bin ich verloren!“
Sie rang die Hände wie ein zweitklassiges Klischee. Ich habe einem guten, abgerundeten Figurenentwurf noch nie widerstehen können. Und die Sache interessierte mich sowieso. Blondie war nämlich nicht die Erste. Immer mehr Schriftstellern war in letzter Zeit ihre Inspiration abhanden gekommen. Irgendwas war hier faul. Und ich würde herausbekommen, was.
„Also gut, ich finde ihn.“
„Sie sind der beste, Scrivener.“
Klar. Also, wo könnte sich ne Muse rumtreiben? Natürlich da, wo die Autoren sich auch rumtrieben. In der dunklen Gasse vor der Selfpublisher-Kneipe Amazonia wurde ich von einem schmierigen Kerl im Trenchcoat angequatscht:
„Hey, Kumpel, suchste ein günstiges Plagiat? Hier habe ich ein paar alte Heftchenromane. Einfach abschreiben und hinterher, falls man dich überhaupt erwischt, behaupten, du hättest versehentlich ne Tippübung veröffentlicht.“
„Noch nie was vom Urheberschutzrecht gehört?“
Er wich zurück, als hätte ich ihm eine geknallt. Wenn ich was nicht ausstehen kann, dann Typen, die sich mit anderer Leute Federn schmücken und dann noch fett abkassieren. In der Kneipe das übliche Bild: an einem Tisch in der Ecke hackten die Mitglieder des Social Media Clubs auf ihren bläulich schimmernden Handybildschirmen herum und murmelten ihr Mantra vor sich hin: sei authentisch, sei authentisch.
An der Theke schütteten sich die Anhänger der Ein-Schriftsteller-muss-saufen-Theorie das Hirn voll und warfen sich gegenseitig die großen Namen als Beweis zu.
„Hemingway!“
„Scott F. Fitzgerald!“
„Dylan Thomas!“
„Stephen King!“
„Ich misch mich ungern ein, aber King ist jetzt trocken“, sagte ich.
Sie glotzten mich an als hätte ich verkündet, dass die Spiegel Bestsellerliste gezielt manipuliert würde. Dann tranken sie einfach weiter.
Im Hinterzimmer liefen die illegalen Wetten. Welche Themen würden es über die Zielgerade schaffen, würden aus einem Roman einen Bestseller machen?
„Zweihundert auf Sex, Reisen und ein ungewöhnliches Milieu!“
„Dreihundert auf Tod, Geburt und eine tickende Uhr!“
Ich nahm mir den Wirt vor.
„Ich suche eine Muse.“
„Nicht so laut! Wenn die anderen Autoren das hören, ist hier die Hölle los!“
„Also?“
„Hier ist schon lange keine mehr gewesen. Weder Männlein noch Weiblein. Versuchs doch mal im Literati.“
Im Nobelrestaurant Literati milderte nur das Kerzenlicht die harten Züge der Erfolgreichen des Literaturbetriebes.
„Sie kommen hier nicht rein. Nicht ohne Literaturstudium oder wenigstens ein erstklassiges Exposé“, sagte ein kleines Bürschchen am Eingang.
Ich wedelte mit ein paar Scheinchen und die Tür öffnete sich. Ein Feuilletonkritiker hielt Hof an einem runden Tisch. Er veriss gerade einen erfolgreichen Liebesroman; es war eine öffentliche Hinrichtung:
„Totaler Selbstfindungskitsch! Gelesen hat das in der Redaktion niemand!“
Alle existenzialistenschwarz gekleideten Schriftsteller ringsum kicherten beifällig. Die meisten würden sich nachher im Klo ne Nase Koks reinziehen. Um durchzuhalten.
Ich nahm mir den Restaurantbesitzer vor:
„Ich suche eine Muse.“
Er fing an zu lachen und konnte gar nicht mehr aufhören.
„Wer braucht denn heutzutage noch ne Muse? Sie gucken einfach, was läuft, und produzieren dann was ganz Ähnliches. Schon mal von Fifty Shades of Grey gehört? Seitdem ist der Markt überschwemmt mit erotischen Dreiteilern, in denen sich unschuldige junge Dinger in einen bösen Milliardär oder einen schurkischen Prinzen verlieben. Den sie mit ihrer Liebe natürlich heilen.“ Er kicherte ölig. „Bad Boys sind ganz groß im Rennen!“
„Und wenn mal einer was ganz Anderes schreibt, was ganz Neues?“
Er wurde schlagartig ernst. „Wer hat denn schon noch Zeit für was Neues? Nein, das ist ja ein Risiko. Da muss man Zeit und Geld investieren, in unbekannte Autoren. Muss was aufbauen. Und wenn das keiner kauft bist du Ratz-Fatz pleite.“
So langsam konnte ich mir vorstellen, was die Musen dazu antrieb, das Weite zu suchen. Mir war selbst schon ganz schlecht. Ich brauchte dringend frische Luft.
War nicht der Einzige. Er stand am Wildschweingehege im Park und fütterte die Borstentiere mit Buchstabennudeln. Hab ihn nach ihrer Beschreibung gleich erkannt. Gutaussehender Knabe, wenn man auf dunkelhaarig und schlaksig stand. Leicht melancholischer Blick aus braunen Augen. Ich stellte mich neben ihn.
„Sie vermisst dich.“
Er zuckte mit den Schultern:
„Sie redet ja nicht mal mehr mit mir. Hängt nur noch im Internet rum, hechelt irgendwelchen blöden Trends und Themen hinterher und inhaliert die schlauen Ratschläge von anderen Leuten: Denk daran, in welchem Genre du schreibst! Denk an deine Leser! Selfpublisher sind Versager! Verlagsautoren sind Auftragsschreiber! Beherrsche dein Handwerkszeug! Entwickle deine Figuren! Schreibe einen Blog! Bediene die Social Media! Denk an dein Image, mach professionelle Fotos!“ Er atmete tief durch. „Das Einzige, was sie macht, ist: sich selbst fertig.“
Im Gehege grunzten die Schweine zustimmend.
„Zigarette?“
„Nein, danke. Sie hat total vergessen, wieviel Spaß wir zusammen hatten. Wir waren mal ein gutes Team.“
Ich sah meine Klientin kommen, ehe er sie bemerkte. Na bitte, es ging doch. Sie hätte mich gar nicht gebraucht. Musste nur mal den ganzen Klimbim drumherum ausblenden und ihrem eigenen Instinkt vertrauen.
„Ich habe dich überall gesucht!“, sagte sie.
Er schwieg. Sie schwieg.
„Da drüben ist ein Spielplatz“, sagte ich.
Beide guckten rüber. Rutsche, Schaukel, Buddelkasten.
„Ich habe früher gerne geschaukelt“, sagte sie und lächelte versonnen.
Er lächelte zurück.
„Worauf wartet ihr? Ne Einladung?“, sagte ich.
Ich hab mich dann auch gleich verkrümelt. Mein Bourbon wartete. Auf das Gehalt konnte ich verzichten. Die beiden hatten ja nicht viel. Aber sie hatten einander. Das war das einzig Wichtige.
Ich persönlich, ich glaub ja nicht an Happy Ends. Aber 80 % der Leser stehn drauf. Und wer bin ich schon, mich mit den Lesern anzulegen?