Weihnachten mit Wolf

Weihnachten mit Wolf

Ausgerechnet am verschissenen Heiligabend steckte seine verdammte Karre in einer Schneeverwehung fest und sein Handy hatte keinen Empfang. Das erste, was Christian Wolf machen würde, sobald er hier wieder raus kam, war, seine persönliche Assistentin zu feuern.

Rechts Berge, links ein wilder Wald, vor und hinter ihm eine menschenleere Landstraße. Hier saß er nun, er, den sie den Wolf von der Wallstreet nannten, ein Mann, vor dem seine Widersacher den Schwanz einzogen, ein Mann, der seine Untergebenen mit einem leisen Knurren zu absoluten Höchstleistungen anspornen konnte und er kam nicht vorwärts. Christian schlug mit seiner lederbehandschuhten Rechten auf das Lenkrad ein.

Er hasste unnötige Sentimentalitäten und hatte sich, statt Weihnachten zu feiern, mit dem Besitzer des Waldes treffen wollen, in dem er jetzt festsaß. Weg mit den Scheißbäumen, her mit Wohnungen, Büros, Einkaufszentren. Das GQ Magazin hatte ihn nicht umsonst zum Mann des Jahres gewählt.

Verdammter Mist“, brüllte Christian.

In der letzten halben Stunde war kein einziges Auto vorbeigefahren und draußen wurde es langsam dunkel. Entschlossen stieg er aus.

Die frische, kalte Luft traf ihn völlig unvermittelt, kühlte seine erhitzten Wangen, brachte seine Haut zum Prickeln. Christian schnüffelte. Er war an die miefige Großstadt gewöhnt, den Gestank nach Autos, Frittenbuden und den Ausdünstungen ungewaschener Menschen. Doch was er hier einatmete, war unerwartet klar und rein, als wäre es direkt von den Sternen gekommen. Seine Nasenflügel blähten sich bei dem Versuch, diese Köstlichkeit in sich aufzusaugen.

Dann fiel ihm auf, wie still es hier draußen war. Kein Hupen, Bremsenquietschen, Schreien, kein Handyklingeln. Nichts. Der ganze alltägliche Wahnsinn fehlte komplett. Christian spürte, wie sich seine Sinne wohlig ausdehnten, wie sich seine Ohren förmlich aufzustellen schienen, seine Nase zuckte.

Er trat einen Schritt vorwärts, der leuchtend weiße Schnee unter seinen Füßen knirschte verlockend. Wann war er das letzte Mal im Winter draußen gewesen, richtig draußen?

Christian stand ganz still und spürte dem erwartungsvollen Prickeln in seinem Körper nach. Ein dicker runder Vollmond ging gerade auf, begleitet von den ersten Sternen. Da, über dem Waldrand, leuchtete ein Stern besonders hell. Christian überkam bei diesem Anblick ein solch starkes Gefühl von Freude und Freiheit, dass sein Herz wie wild zu schlagen begann.

Um ihn herum dehnte sich die Zeit aus, wurde durchlässig.

Drüben am Waldrand leuchtete ein gelbes Augenpaar zwischen den Stämmen. Der Wind trug einen aufregenden, scharf würzigen Geruch heran: Freiheit. Laufen durch Wälder, über laubbedeckte Erde, tollen, spielen, jagen. Frei und ungebunden sein.

Sein ganzes bisheriges Leben, alle seine Erfolge, erschienen ihm angesichts dieser lockenden Stille, dieser unerforschten Weite, leer und nichtig. Er hatte keine Frau, keine Freunde, keine Familie, keine Zeit. Nur Arbeit.

Aus dem Wald ertönte ein sehnsüchtig lockender Ruf.

Der Fahrer des Schneepflugs, der kurze Zeit später das Auto entdeckte, fand dessen Tür offen, auf dem Sitz einen teuer aussehenden Maßanzug und auf dem Boden ein paar feine Lederschuhe, in denen Seidensocken steckten.

Drüben im Wald sangen die Wölfe.

 

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Diese Kurzgeschichte war mein Beitrag zum Christmas Special der Schreibwerkschau 2019.

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