Poetry Slam: Affenzirkus

Poetry Slam: Affenzirkus

Tegel Poetry Slam

Ich probiere ja in kreativer Hinsicht gerne mal was Neues aus, und deshalb habe ich mich letztes Jahr auch an meinen ersten Poetry Slam getraut.

Den hat Claudia Johanna Bauer, die Leiterin meines Writers Coaching Kurses in der Humboldt Bibliothek in Berlin-Tegel veranstaltet, entsprechend hieß er denn auch Tegel Poetry Slam.

Das Ganze war ein großer Spaß, mit vielen sehr unterschiedlichen Texten, und wir haben es dieses Jahr glatt noch mal gemacht. Für alle, die nicht dabei sein konnten, hier mein Text, der diesmal ein sehr persönlicher geworden ist:

 

 

Herzlich Willkommen, meine Damen und Herren, Welcome Ladies and Gentlemen.

Heute Abend Sondervorstellung, Galavorstellung. Ich lade Sie ein, einen exklusiven Einblick zu wagen in den Affenzirkus, der jeden Tag in meinem Kopf stattfindet.

Wissen Sie, ich wäre so gerne die Herrin meiner Gedanken, aber die rasen und toben, die kapriolen durch meinen Kopf wie eine wildgewordene Affenbande.

Das Leben ist vielleicht kein Ponyhof, aber in meinem Kopf spielt ein Zirkus. Jeden Tag ist Vorstellung, ununterbrochen, von Morgens bis Abends und die halbe Nacht hindurch. Mein Gehirn ist die Manege, meine Gedanken sind eine Horde Affen, die wild kreischend hindurch tobt.

Die Affen kreischen DU MUSST und DU SOLLST und DU DARFST NICHT. Jeder will den anderen übertrumpfen, jeder will gehört werden, jeder will meine volle Aufmerksamkeit. DU MUSST Erfolg haben, mit deinen Büchern Geld verdienen, Karriere machen. DU MUSST lächeln, freundlich sein, still sein, gut zuhören können. DU MUSST eine gute Freundin, Tochter, Schwester, Liebhaberin sein. DU MUSST schlank sein, hübsch sein, jung sein.

DU DARFST NICHT laut sein, dich nicht beschweren oder gar sagen, was du möchtest. DU DARFST keine Ansprüche stellen, nichts wollen und schon gar nicht auffallen. DU DARFST NICHT alt werden, fett oder krank, oder am Ende gar durchdrehen.

Und sowieso:

KEINER HAT DICH LIEB, DU BIST GANZ ALLEIN!!!!!

Die Affen haben kleine runzelige Gesichter, sie zwicken und zwacken, beißen und piesacken mich, ziehen an mir, jeder in eine andere Richtung. Sie tun mir weh und sie sind so laut, dass ich mich selber nicht mehr hören kann, das ich ganz vergesse, wer ich eigentlich überhaupt bin. Also schmeisse ich mit Bananen, das beruhigt sie zumindest vorübergehend.

Ich weiß nicht genau, wo die Affen herkommen. Einige habe ich geerbt, andere sind mir zugelaufen. Ich bin doch so tierlieb. Manche haben sich einfach bei mir eingenistet. Freiwillig gehen sie nicht wieder weg, sie fühlen sich wohl, weil sie machen können, was sie wollen.

Ich wäre so gerne die Direktorin in meinem Affenzirkus, dann könnte ich ihnen befehlen, die Klappe zu halten. Aber sie hören sowieso nicht auf mich.

Tabletten sind mein Popcorn, die Äffchen toben nur noch in Zeitlupe, vorübergehende Erleichterung. Aber von zu viel Popcorn bekomme ich Bauchschmerzen, und wenn die Tablettenpackung leer ist, sind die Äffchen immer noch da.

Mein Verstand will mit der Peitsche knallen, bis alles kuscht. Aber ich habe prinzipiell was gegen Gewalt. Die Zirkuskapelle bläst mir den Marsch. Die Affen bewerfen mich mit Bananenschalen.

Mein Herz ist eine dicke Bärin, die ein rotes Hütchen trägt. Zerfranzt und zottelig, tapsig und warm. Ganz tief in ihren Augen drin kann man noch ein bißchen Wildnis erkennen, aber die ist gut versteckt. Die Bärin macht Kunststückchen, sie fährt auf einem kleinen Fahrrad in der Manege herum, immer im Kreis. Die Bärin hat Sehnsucht, sie will frei sein, aber sie traut sich nicht. Man hat sie da draussen zu oft geschlagen und zu zähmen versucht, und jetzt hört sie hier drin nur noch die Äffchen kreischen.

Die Scheinwerfer erlöschen. Ein dumpfes Grollen ertönt.

Meine Angst ist ein schwarzer Panther. Die Affen kreischen noch mehr, als er in die Manege schleicht. Der Panther ist Schmerz, Krankheit, Tod. Er ist Alter und Einsamkeit, er hat spitze Zähne, scharfe Krallen und in seiner Gegenwart fühle ich mich klein und hilflos. Der Panther faucht und kommt näher. Ich sollte ihn zähmen, ich sollte ihn durch flammende Ringe springen lassen, aber wie?

Mein Verstand sucht die Peitsche, mein Herz zittert. Die Äffchen kreischen und springen durcheinander, die Bärin fährt immer schneller und schneller im Kreis, der Panther grollt, die Zirkuskapelle spielt mir das Lied vom Tod. Alles wird immer lauter, immer schriller, ich halte es nicht mehr aus und brülle: Schluss damit!

Die Bärin fällt vor Schreck vom Rad. Stille. Alles hat inne gehalten. Und dann ertönt Applaus. Nach und nach gehen kleinen Lichter an. Sie erhellen die Zuschauerränge rings um die Manege und ich stelle zu meinem Erstaunen fest, ich bin ja gar nicht allein. Da sitzt meine ganze komische, wunderbare Familie, da sitzen liebe alte und neue Freunde, und da sind sogar alle meine Bücher.

Keinen hält es mehr auf seinem Platz, alle strömen in die Manege.

Meine Familie umringt die Bärin und hilft ihr wieder auf die Beine. Meine veganen Nichten organisieren eine Spontandemo, sie sind sowieso gegen Zirkusse mit lebenden Tieren. Meine Freunde zeigen den Äffchen ganz beiläufig, dass sie eine Peitsche besorgt haben, und eine ganz besonders energische sogar einen Flammenwerfer. Meine Bücher blättern verlockend durch ihre Seiten, sie öffnen Türen in andere Welten.

Ich bin gar nicht allein. Ich bin nie allein gewesen.

Der Panther kommt näher. Ich füttere ihn mit einem Himbeerbonbon und streichele sein mitternachtsfarbenes Fell. Wir werden alle sterben, aber nicht heute. Heute feiern wir eine Party und lassen alle Tiere frei.

Was für eine Vorstellung!

 

 

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