Das Kätzchen der Apokalypse

Das Kätzchen der Apokalypse

„Ich bin die Macht, die eure sogenannte Zivilisation auslöschen wird“, sagte das Kätzchen. „In zehn Minuten, um genau zu sein. Willst du noch was erledigen, irgendwelche letzten Telefonate oder so? Dann ist jetzt die beste Gelegenheit.“

Es war nur eine handvoll Katze, die im Dämmerlicht des späten Nachmittags vor meiner Parkbank saß, mager, pechschwarz, mit großen grünen Augen. Hatte sie wirklich gerade gesprochen? Ich blinzelte, rieb mir die Augen, atmete tief durch. Überarbeitung, eindeutig. Ich hätte meine Mittagspause schon viel eher einlegen sollen. Energisch machte ich mich daran, mein Sandwich auszupacken.

„Neun Minuten“, sagte das Kätzchen.

Ich hielt inne und blickte mich um. Große alte Kastanien, kleine dichtbelaubte Büsche, Laub auf dem Rasen. Durch eine Hecke hindurch schimmerte das Rot des Backsteingebäudes, in dem ich arbeitete, wie der letzte Sonnenuntergang der Welt. Außer mir war niemand zu sehen.

„Jonas? Gabriel?“, rief ich laut. „Lasst den Blödsinn. Das ist nicht lustig.“

Kein unterdrücktes Kichern, kein Rascheln in den Büschen. Dabei waren derartige Scherze meinen Arbeitskollegen durchaus zuzutrauen. Sie hatten einen merkwürdigen Sinn für Humor.

„Acht Minuten“, sagte das Kätzchen.

Es hatte eine warme, und doch sehr nachdrückliche Stimme mit erstaunlich viel Volumen für so einen kleinen Körper. So klang jemand, der genau wusste, was er wollte. Was wiederum bedeutete, es konnte doch keiner meiner Arbeitskollegen sein.

„Burnout“, sagte ich leise. „Mist.“

Aber kein Wunder. Gentechnik, Nanotechnologie, Immuntherapie: mein Arbeitgeber, die Firma Future Inc., hatte überall die Finger drin, und meistens auch die Nase vorn (oder an einer noch effizienteren Stelle). Ich hatte zwar keine Ahnung, was in den anderen, zahlreichen, gut gesicherten Gebäuden um mich herum geschah, aber mein Team hatte mit langer zäher Kleinarbeit unglaubliche Fortschritte gemacht und gerade vor kurzem war uns der entscheidenden Durchbruch gelungen. Wir haben den Unsterblichkeitscode geknackt. Alter, Krankheit, langsames Dahinsiechen, Tod? Aus und vorbei. Wir werden alle ewig leben, und dabei noch gut aussehen.

„Sieben Minuten“, sagte das Kätzchen.

Sein schwarzes Fell glänzte, seine grünen Augen funkelten. Für eine Halluzination wirkte es ziemlich echt. Vielleicht war ich ja doch nicht durchgedreht, vielleicht arbeitete man in einem der anderen Gebäude an künstlichen Intelligenzen und hatte einen kleinen Roboter in den Park geschickt, zum Testen? Ich entspannte mich ein wenig und öffnete meine Thermoskanne. Der Duft von starkem, heißen Kaffee belebte meine Sinne.

„Sechs Minuten“, sagte das Kätzchen.

„Und wenn die abgelaufen sind?“, fragte ich. „Was machst du dann?“

„Ich führe das Ende eurer Welt herbei.“

Das Kätzchen konnte höchstens ein halbes Kilo wiegen.

„Wie willst du das anstellen?“

Das Kätzchen fletschte die kleinen, spitzen Zähne. „Indem ich dich beiße.“

Ein Drakulakätzchen. Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen.

„Und dann werde ich ein Vampir und beiße alle anderen?“

Es sah immer noch niedlich aus, aber ich zog trotzdem unwillkürlich meine bis dahin noch ausgestreckten Beine ein.

„Und dann wirst du ein Zombie und beißt alle anderen“, sagte das Kätzchen.

Das klang schon realistischer. Sie mussten hier irgendwo auf dem Gelände mit Tieren arbeiten. Eine intelligente Katze mit einer Genmutation, deren Biss einen zombieähnlichen Zustand hervorruft? Ich traute der Firma alles zu.

„Patient Zero in fünf Minuten“, sagte das Kätzchen.

„Aber … warum?“

Es legte sein Köpfchen schief und sah mich ungläubig an.

„Es ist höchste Zeit. Ihr habt den Planeten bereits an den Rand des Ruins getrieben und nun wollt ihr auch noch ewig leben? Kommt nicht in Frage. Ursprünglich haben wir ja gedacht, wir sehen euch einfach dabei zu, wie ihr euch selbst auslöscht. Eine Erde ohne Menschen hätte noch eine Chance, die könnte sich wieder erholen. Aber jetzt, wenn ihr euch auch noch unsterblich macht, dann sind wir alle verloren. Vier Minuten.“

Das Kätzchen hatte nicht unrecht. Ich trank nachdenklich einen Schluck Kaffee, beäugte mein Sandwich und ein ungutes Gefühl beschlich mich. Sollte das hier meine Henkersmahlzeit werden?

„Wer ist wir?“, fragte ich den kleinen Vollstrecker.

„Wir sind die Rebellion“, sagte das Kätzchen mit stolzgeschwellter Brust.

Was, wenn das hier wirklich passierte, wenn es kein Scherz war und keine Halluzination? Ein letztes Telefonat … Nur dass ich niemanden zum Anrufen hatte, weder Frau noch Kinder. Keiner, der mich vermissen würden.

„Drei Minuten“, sagte das Kätzchen.

Mein Leben war die Arbeit, das Knobeln an verzwickten Problemen, der Genuss der Abstraktion. Lösungen interessierten mich nur in so weit, als das sie neue Probleme aufwarfen, die neue Denkwege, neue Lösungen erforderten. Mein Gehirn arbeitete hervorragend und unermüdlich. War ich nicht schon längst ein Zombie, fixiert nur auf eine Sache, unfähig, etwas anderes daneben wahrzunehmen oder gar zu lieben?

„Zwei Minuten“, sagte das Kätzchen.

Ich wickelte mein Sandwich aus. Wenigstens einen letzten Bissen, bevor mein Appetit sich anderen Sachen zuwenden würde.

„Ist das … Thunfisch?“, wollte das Kätzchen wissen.

„Mit Salat, Tomate und Mayonnaise“, bestätigte ich.

Das Kätzchen schlich langsam näher und leckte sich die Lippen.

„Möchtest du?“

„Kein Salat, keine Tomate“, sagte es. „Gerne ein bisschen Mayo.“

Ich pulte ein Stückchen Thunfisch aus dem Sandwich warf es ihm zu. Das Kätzchen verschlang den Happen eilig. Ich kaute nachdenklich. Das Kätzchen machte große Augen. Ich warf ihm ein zweites Stück zu, welches genauso schnell verschwand.

„Du hat wohl Hunger, was?“

Das Kätzchen miaute durchdringend. Wir teilten uns den Rest meines Sandwiches in brüderlichem Schweigen. Ich leckte mir die Finger, das Kätzchen begann, sich zu putzen.

„Die zwei Minuten sind übrigens garantiert vorbei“, merkte ich an.

Das Kätzchen hüpfte neben mich auf die Bank. Ich zuckte unwillkürlich ein Stück zurück, doch alles, was es tat, war, sein Köpfchen in meine Seite zu stoßen und durchdringend zu schnurren. Langsam streckte ich meine Hand aus und begann, es vorsichtig zu streicheln. Das Schnurren steigerte sich ekstatisch. Ich sah auf meine Armbanduhr. Eigentlich lohnte es sich für heute nicht mehr, noch mal ins Labor zurück zu gehen. Und vielleicht wollte ich das ja auch gar nicht. Überhaupt nicht mehr. Nie wieder. Aber was dann?

Ich dachte an meine leere Junggesellenwohnung, in der mich niemand erwartete. Und dann fiel mir ein, dass ich noch ein paar Büchsen Thunfisch im Schrank hatte.

 

 

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Diese phantastische Shortstory gehört zum Projekt #phantastischermontag. Unser Thema für den Januar lautet: Beantworte die Fragen deiner Katze. Freut euch schon mal auf die nächsten Montage, wenn die anderen Stories erscheinen und haltet nach #phantastischermontag Ausschau.

Hier geht es zur Geschichte von C. A. Raaven: Talking to Basket

Hier die Story von Maike Stein: …und danke für den Fisch!

Und hier die Kurzgeschichte von Alexa Pukall: Satansbraten

 

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2 comments found

  1. Toll geschriebene Geschichte! Ich mag die Entwicklung von realistische Erklärung suchen bis hin zu Akzeptanz von „die Katze spricht und ich verstehe sie“, da gehe ich Schritt für Schritt mit. Und als eine, die schon mit so einigen Katzen gelebt hat, sehe ich das Ende der Geschichte durchaus als offenes Ende, da ich einige dieser Gattung kennengelernt habe, die, sobald sie genug vom Streicheln haben, auch schon mal zubeißen … Ich trau dem Kätzchen der Apokalypse also noch so einiges zu, nachdem diese Geschichte offiziell endet. 😉

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